Notenbankvertreterin hält Dollarabwertung auf lange Sicht für unausweichlich
Hohes Defizit im Außenhandel lastet schwer auf dem Dollar

Mit für Notenbankvertreter ungewöhnlicher Offenheit hatte sich die Präsidentin der Federal Reserve Bank von San Francisco, Janet Yellen, am Donnerstagabend der Sichtweise angeschlossen, dass der Dollarkurs mittelfristig weiter fallen werde.

HB FRANKFURT/M. Ein schwächerer Dollar macht US-Waren im Ausland billiger und verteuert ausländische Waren in den USA. Die dadurch steigende internationale Nachfrage nach US-Produkten senkt den Fehlbetrag im Außenhandel.

Die Aussage von Yellen sorgte an den Devisenmärkten für Aufsehen und drückte den Dollarkurs. Da half am Freitag auch die Nachricht nicht, dass das Außenhandelsdefizit im Juli gegenüber dem Vormonat sogar noch einen Tick weiter zurückgegangen ist, als von den Märkten erwartet worden war. Mit 50,1 Mrd. Dollar war es nach den 55,0 Mrd. Dollar des Vormonats immer noch der zweithöchste Wert in der US-Geschichte. Vor allem eine niedrigere Ölrechnung und steigende Exporte zeichneten für den Rückgang verantwortlich. Nach Bekanntgabe der Zahlen zog der Dollar nur kurz an, um dann doch den Rückwärtsgang einzulegen. Kurzzeitig stieg der Euro sogar wieder über 1,23 Dollar.

„Wir haben enorme Leistungsbilanzdefizite. Auf lange Sicht wird sich dieser Trend noch verstärken, wenn der Dollar im Verhältnis zu anderen Währungen etwa da bleibt, wo er jetzt ist“, sagte Yellen nach einer inoffiziellen Mitschrift der Nachrichtenagentur Bloomberg. Ein Defizit in der Leistungsbilanz bedeutet, dass ein Land mehr Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland bezieht, als es ins Ausland liefert. Unter Verweis auf die damit einhergehende steigende Kreditaufnahme im Ausland warnte sie, die eskalierende Außenverschuldung sei auf Dauer nicht tragfähig. „Irgendwann muss sich das drehen, und ich bin überzeugt, der Dollar wird daran beteiligt sein“, sagte Yellen. „Das bedeutet nicht, dass Zustände, die nicht auf Dauer tragfähig sind, nicht eine sehr lange Zeit bestehen können“, schränkte die Notenbankerin allerdings ein. „Die offenen Worte von Janet Yellen haben die Devisenhändler zu Recht sehr nervös gemacht", sagte Carsten Fritsch, Devisenstratege der Commerzbank.

Bankvolkswirte rechnen nicht damit, dass der Importüberschuss der USA in absehbarer Zeit nachhaltig zurückgeht. „Es scheint, dass wir auf eine Serie von monatlichen Defiziten von 50 Mrd. Dollar und mehr zusteuern, was auf den Dollar drücken dürfte“, erwarten die Analysten von Barclays Capital. „Das Leistungsbilanzdefizit ist die Größe, die dem Dollar mittelfristig am meisten zu schaffen machen wird“, sagte auch Kamal Sharma, Währungsstratege der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein in London.

Doch nicht alle Volkswirte sind dieser Meinung. Prominente Vertreter der Zunft wie Stephen Jen, Leiter des Währungsresearchs bei der US- Investmentbank Morgan Stanley, hält das Außenhandelsdefizit der USA für unproblematisch (s. Interview). „Der Dollar ist bereits unterbewertet“, sagte Jen. Während die Mehrzahl der Volkswirte den Euro-Kurs wieder auf 1,30 Dollar und darüber steigen sieht, prognostiziert er, dass der Euro Mitte nächsten Jahres nur noch 1,14 Dollar kosten werde.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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