Notierung auf höchstem Stand seit sieben Jahren
Schwache Ernten und teures Öl treiben den Zuckerpreis

Kein anderes Agrarerzeugnis hat in den letzten Wochen die Phantasie der Spekulanten an den Terminmärkten derart beflügelt wie Zucker. Schlechte Ernten in Kuba und Thailand, überraschend starker Importbedarf aus Indien und Russland sowie indirekt der hohe Ölpreis haben den Preis seit dem Frühjahr um mehr als ein Fünftel steigen lassen. Rübenzucker erreichte am Londoner Terminmarkt kürzlich mit 324 Dollar je Tonne im Augustkontrakt den höchsten Stand seit 1997.

LONDON. Experten rechnen damit, dass der Trend anhalten wird, schließlich steht ab 2007 die Verringerung des Zuckerrübenanbaus in der EU im Rahmen der großen Zuckermarktreform einer weiter wachsenden weltweiten Nachfrage gegenüber. Ingrid Sternby von Barclays Capital sieht aber auch auf kürzere Sicht eine Fülle von Faktoren, „die uns auch im dritten Quartal mit weiter steigenden Preisen am Zuckermarkt über dem jüngst erreichten Jahreshöchststand von 9,58 Cent je Pfund rechnen lassen“. Die Nachfrage Indiens ist für sie einer der ausschlaggebenden Faktoren. Zwar werde sich die Ernte des größten Zuckerverbrauchers der Welt 2005/06 (das Wirtschaftsjahr bei Zucker reicht vom September bis August) von den hohen Ausfällen des Vorjahres erholen, schätzt die Expertin. Dennoch sei das Land auf mehr als eine Mill. Tonnen an Importen angewiesen. Auch Pakistan müsse nach einem dürrebedingten Ernterückgang um etwa ein Fünftel jetzt am Weltmarkt zukaufen. Die Importe Russlands stiegen seit Jahresbeginn ebenfalls stärker als erwartet.

Zusätzlichen Auftrieb erhält die Nachfrage durch den hohen Ölpreis. Schließlich macht dessen Anstieg den Einsatz von Äthanolbenzin, das aus Zucker gewonnen wird, immer attraktiver. Brasilien, der größte Zuckerproduzent der Welt, ist seit jeher der bei weitem größte Hersteller und Verbraucher von Äthanolkraftstoff. Im Mai wurden dort erstmals mehr Fahrzeuge verkauft, die sowohl mit Äthanol als auch mit Benzin oder einer Mischung aus diesen angetrieben werden als solche mit herkömmlichen Benzinmotoren. Das bedeutet, dass für die Zucker- und Äthanolexporte Brasiliens eher sinkende statt steigende Mengen zur Verfügung stehen. Etwa die Hälfte der Zuckerproduktion des Landes wird bereits jetzt zu Äthanol verarbeitet.

Czarnikov Sugar, der Londoner Großhändler und Marktexperte, veranschlagt den Welt-Zuckerbedarf für 2004/05 auf 148 Mill. Tonnen. Das seien zwölf Mill. Tonnen mehr als 2002. Die Nachfrage könnte damit wie bereits in den beiden vorangegangenen Jahren erneut geringfügig die Produktion überschreiten.

Für das Zuckerjahr 2005/06 rechnet Czarnikov im Einklang mit den Schätzungen des US-Agrarministeriums jedoch mit einem vorübergehenden Zuckerüberschuss am Markt. Dieser könnte dann auch die Preise kurzfristig sinken lassen: Denn bevor die Reformpläne der Europäischen Union mit der geplanten Senkung der Garantiepreise um fast 40 Prozent über die vier Jahre bis 2010 in Kraft träten, würden die EU-Produzenten nochmals so viel Zucker produzieren wie möglich. Sie könnten so möglicherweise über 22 Mill. Tonnen auf den Markt werfen, schätzen die Experten. Das wäre eine Mill. Tonnen mehr als im Vorjahr. Mit der dann beginnenden Senkung des EU-Garantiepreises (der bis vor kurzem fast dem Dreifachen des Weltmarktpreises entsprach) könnte aber bereits 2007 die Zuckerproduktion in der Union drastisch um bis zu fünf Mill. Tonnen fallen, erwartet Toby Cohen, Chefanalyst von Czarnikov. Keine unbeträchtliche Menge, gemessen an den bisherigen EU-Exporten von etwa drei Mill. Tonnen. „Selbst wenn die Preise 2006 abbröckeln sollten, dürften sie damit ihren langfristigen Aufwärtstrend wieder fortsetzen“, so seine Schätzung.

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