Ökonomen dämpfen aber die Erwartungen
China gibt den Takt vor

Das Problem einer unterbewerteten chinesischen Währung wird die Welt nach Meinung namhafter Ökonomen noch über Jahre beschäftigen.

FRANKFURT/M. „Die Chinesen werden ihr Finanzsystem nur langsam verbessern und parallel dazu ihren Kapitalmarkt liberalisieren und ihren Wechselkurs freigeben“, sagte der renommierte US-Nationalökonom Allan Meltzer von der Carnegie Mellon Universität dem Handelsblatt. Auch Markus Taube, Professor für die chinesische Wirtschaft an der Universität Duisburg, erwartet mittelfristig nur eine moderate Aufwertung des Yuans „im Gleichklang mit Chinas Entwicklung zu einem Industriestaat“. Die Experten warnen davor, von der jüngsten Veränderung im chinesischen Wechselkursgefüge bereits auf einen Abbau der globalen Ungleichgewichte zu schließen. Das könne China allein nicht leisten.

Der Yuan ist je nach Schätzung um 15 bis 40 Prozent unterbewertet. Das verschafft China Wettbewerbsvorteile im Export und Arbeitsplätze. Am 21. Juli hatte das Land gegenüber dem Dollar um 2,1 Prozent aufgewertet und angekündigt, nach zehn Jahren fester Dollarbindung zu einem Währungskorb überzugehen. Die anfängliche Euphorie, dass kurzfristig weitere Aufwertungsschritte folgen würden, hatte Chinas Notenbank umgehend gedämpft. „Man will der Weltöffentlichkeit zeigen, dass das funktioniert“, erläutert Taube. „Das heißt für China: Der Außenwert der Währung bleibt stabil.“

Nach Ansicht von Taube sitzt in China die Angst vor Schocks wie bei der Asienkrise tief. Nicht ganz zu Unrecht. Das Finanzsystem ist heute nicht besser aufgestellt als 1997. Die Ersparnisse aus einer Sparquote von 35 bis 40 Prozent werden von den Banken schlecht verzinst. Sie könnten darauf warten, bei erster Gelegenheit das Land zu verlassen. Zudem sei viel spekulatives Geld in „Modebranchen“ geflossen, das kurzfristig abgezogen werden könnte, sollte sich der Wind gegen China drehen, sagt der Experte.

Taube sieht in Chinas Wechselkursschritt primär ein binnenwirtschaftliches Kalkül. Zum einen habe die Wachstumsrate von 9,5 Prozent im zweiten Quartal die Regierung alarmiert. Sie fürchte eine Überhitzung der Wirtschaft. Zum anderen gehe es Peking um bessere Grundlagen für die Geldpolitik. China habe sich im Beitrittsprotokoll zur Welthandelsorganisation verpflichtet, 2006 sein Bankensystem zu liberalisieren. Dann würden Inlands- und Auslandsbanken gleichgestellt. China strebe an, bis dahin den Zins steuern zu können. Bei festem Wechselkurs ist eine Kontrolle über Geldmarkt und Zins nicht gegeben.

Eine Aufwertung um 15 Prozent würde laut Taube den Export aber „nicht massiv schädigen“. Seit einigen Monaten habe man die Rückerstattung der Mehrwertsteuer beim Export sektoral differenziert und so eine Aufwertung simuliert. Branchen, die sich damit schwer täten, könnten durch Erhöhung der Rückerstattungssätze entlastet werden.

Auch Charles Dallara, geschäftsführender Direktor des Institute of International Finance (IIF), bezweifelt, dass China auf wachsenden politischen Druck vor allem aus den USA reagiert hat. Natürlich müsse China sicherstellen, dass die Märkte für seine Produkte offen blieben, sagt Dallara, der für das US-Schatzamt bereits 1985 den Plaza Accord mitverhandelt hat. Das sei die Perspektive, die der Westen gern einnehme. Für China gehe es aber auch darum, „die phantastische Wachstumsmaschine nicht zu beschädigen“, die in den letzten 20 Jahren entstanden sei und viele Arbeitsplätze schaffe. Immerhin muss China bis 2015 bis zu 300 Millionen Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren.

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