Ölpreis
Kartell gegen den Preisverfall

Russland und die Opec wollen weniger Öl fördern. Damit reagieren sie auf den bisher beispiellosen Verfall des Ölpreises. Führende Beobachter des Ölmarktes überbieten sich mit Reduzierungen ihrer Nachfrage-Prognosen.

LONDON. Die Anzeichen für eine koordinierte Kürzung der Ölproduktion durch die Opec und Russland vor Jahresende verdichten sich. Der russische Energieminister Sergej Schmatko kündigte gestern an, er werde der Opec bis zu ihrem nächsten Ministertreffen Vorschläge für eine Verringerung der Produktion machen. Die beiden größten Produzenten der Welt stemmen sich gegen einen beispiellosen Verfall des Ölpreises, der seit Juli um mehr als 100 Dollar je Barrel (159-Liter-Fass) eingebrochen ist. Die Aussicht auf eine konzertierte Aktion in einer Woche trieb gestern den Ölpreis wieder auf über 44 Dollar je Barrel. Am Dienstag war er noch als Reaktion auf die jüngste Prognose des US-Energieministeriums gesunken. Es sagte den ersten Rückgang des weltweiten Ölverbrauchs seit 25 Jahren voraus.

Russland und die Opec nähern sich bereits seit einigen Monaten an. Hochrangige Delegationen aus Moskau nehmen als Beobachter an Opec-Treffen teil und die Führung des Ölkartells bemüht sich darum, die Russen als Mitglied zu gewinnen. Eine koordinierte Produktionskürzung könnte ein weiterer Schritt auf diesem Weg sein. Die Opec-Minister treffen sich am kommenden Mittwoch in Algerien. Analysten erwarten, dass sie dort eine weitere Kürzung der Produktionsquoten beschließen werden. Der libysche Ölminister Shokri Ghanem forderte zuletzt eine substanzielle Kürzung. Dabei ist die zuletzt vereinbarte Rücknahme der Produktion noch nicht komplett umgesetzt (siehe Kasten).

Russlands Energieminister Schmatko sagte der Nachrichtenagentur Interfax, die Opec bereite eine deutliche Kürzung vor. Er suche nun auch außerhalb der Opec nach einer einheitlichen Position der Ölproduzenten. Den Russen fallen entsprechende Zusagen nach Einschätzung von Experten leicht, weil ihre Ölproduktion derzeit ohnehin im Abwärtstrend ist. Der zweitgrößte Ölexporteur außerhalb der Opec, Norwegen, will bei einer Kürzungsaktion nicht mitmachen. Das sagte ein Sprecher des Energieministeriums.

Ölanalyst Adam Sieminski von der Deutschen Bank in New York rechnet damit, dass die Opec ihre Produktion in mehreren Schritten bis Ende 2009 senkt. Etwa drei Monate danach werde sich der Ölpreis stabilisieren, das zeige die historische Erfahrung. Sieminski glaubt, dass Öl bis auf 30 bis 35 Dollar je Barrel fallen könnte, um dann bis Mitte 2010 wieder relativ rasch auf 75 Dollar zu steigen. Analysten von Merrill Lynch sehen den Ölpreis sogar bis auf 25 Dollar fallen.

Führende Beobachter des Ölmarktes überbieten sich mit Reduzierungen ihrer Nachfrage-Prognosen. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) hat ihre Schätzung für die weltweite Nachfrage im kommenden Jahr in mehreren Schritten bis auf 86,4 Mio. Barrel am Tag gesenkt. Die Opec selber rechnet mit 86,7 Mio. Barrel. Das US-Energieministerium nahm seine Schätzung jetzt auf 85,3 Mio. Barrel zurück. Das wären 450 000 Barrel am Tag weniger als im laufenden Jahr. Die Schätzung für den durchschnittlichen Ölpreis 2009 senkte das Ministerium von 63,50 auf 51,17 Dollar je Barrel.

Die internationale Ölnachfrage ist zuletzt in den Jahren 1980 bis 1983 gesunken. Analysten halten noch weitere Prognosekorrekturen für möglich, wenn sich das konjunkturelle Bild weiter eintrübt. Der US-Ökonom Joseph Stanislaw forderte die neue US-Regierung auf, die Rezession zu nutzen, um massiv in Klimaschutz und alternative Energien zu investieren. So wie der Ölschock der Siebzigerjahre zum sparsameren Umgang mit Energie geführt habe, so sei jetzt ein neuer Fortschritt möglich. Das Ziel müsse es sein, die USA bis 2025 von Ölimporten unabhängig zu machen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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