Ölpreis
Kleines Zwischenhoch

Nach dem Preisverfall am Dienstag haben sich die Ölpreise wieder leicht erholt. Für den Fall, dass der Preis unter eine bestimmte Marke fällt, drohen dem weltweiten Finanzsystem enorme Verwerfungen.

SingapurEin Rückgang der Ölbestände in den USA hat die Ölpreise am Mittwoch angetrieben. Nordseeöl der Sorte Brent verteuerte sich um bis zu 3,3 Prozent auf 41,59 Dollar je Barrel (159 Liter). US-Leichtöl der Sorte WTI kostete mit bis zu 38,99 Dollar vier Prozent mehr.

Dem US-Energieministerium zufolge waren in der vergangenen Woche die Bestände überraschend gefallen. Analysten hatten überwiegend mit einem leichten Anstieg gerechnet. Es war der erste Rückgang der wöchentlichen Bestände seit September. Dabei fiel der Rückgang noch stärker als vom Brancheninstitut API prognostiziert aus. „Das waren bessere Daten als erwartet“, sagte ein Händler. Allerdings werde dies an der Förderpolitik der Opec nichts ändern, so dass die Preise letztlich weiter in Richtung der Tiefstände von 2008 fallen dürften.

Die Ölpreise sind seit Freitag mehr oder weniger stark auf Talfahrt, nachdem die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) ihre Förderpolitik vorerst nicht verändert hatte. Am Dienstag war der Brent-Preis erstmals seit Februar 2009 unter 40 US-Dollar gerutscht. Beim US-Öl ging es ebenfalls steil bergab. Der WTI-Preis sank bis auf 36,64 Dollar und damit ebenfalls auf den tiefsten Stand seit Februar 2009.

Trotz der leichten Erholung am Mittwoch sehen Analysten aufgrund eines äußerst hohen Angebots und der Förderpolitik der Opec weiteres Abwärtspotenzial. Die Ölpreise könnten bis auf 32 Dollar sinken, bevor die Opec ihre Förderpolitik ändere, schätzt Carl Larry, Ölexperte beim US-Beratungsunternehmen Frost & Sullivan.

Leidtragende des anhaltend hohen Angebots und der niedrigen Preise sind vor allem die großen Förderunternehmen – allen voran Frackingfirmen. Bereits in diesem Jahr hat der Preisverfall am Ölmarkt der Förderindustrie einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Die Gewinne der Ölmultis wie Shell, BP und Exxon brachen ein, noch heftiger traf es die Fracking-Firmen und ihre Zulieferer in den USA. Dennoch schlug sich die Branche besser als erwartet - die von Analysten prognostizierte Pleitewelle blieb bislang aus.

Die Aussicht auf 2016 macht den Unternehmen allerdings wenig Mut. Experten gehen davon aus, dass die Leidenszeit andauern wird. „Die Stimmung am Markt hat erneut zum maximalen Pessimismus gedreht – die Rede ist wieder vom 20-Dollar-Ölpreis“, heißt es im Ausblick des Analysehauses Energy Aspects.

Der niedrige Ölpreis belastet nicht nur die Förderländer und die Unternehmen aus der Branche, sondern könnte zu finanziellen Verwerfungen in der Weltwirtschaft führen. So gilt ein Ölpreis von 30 US-Dollar für Russland als eine wichtige Marke. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg glauben 15 von 27 Experten, dass der Ölpreis auf diesem Level die russische Wirtschaft deutlich belastet und Finanzsystem bedroht. Denn Russland sei nicht auf einen weiteren Preisschock des Ölmarktes vorbereitet. "Falls der Ölpreis weiter fällt und auf diesem niedrigen Level für längere Zeit bleibt, steigen die Risiken einer Destabilisierung des Finanzsystems dramatisch an", schrieb Sergey Narkevich, Analyst bei der PAO Promsvyazbank in Moskau.

Die Autofahrer in Deutschland profitieren einem Bericht zufolge erheblich von dem Ölpreisverfall. Die Tankrechnung Deutschlands falle im Vergleich zum Vorjahr um 10,5 Milliarden Euro niedriger aus, berichtete die Zeitung "Die Welt" am Mittwoch unter Berufung auf Berechnungen des Mineralölwirtschaftsverbandes. Demnach wurden in diesem Jahr 2,9 Milliarden Euro beim Tanken von Benzin eingespart und 7,6 Milliarden Euro an den Diesel-Zapfsäulen. Beim Diesel entfalle jeweils etwa die Hälfte auf den privaten und den gewerblichen Verkehr.

Hauptgrund für den Preisverfall ist die massive Überversorgung der Weltwirtschaft. Das Opec-Ölkartell mit Saudi-Arabien an der Spitze und die US-Fracking-Industrie pumpen im Kampf um Marktanteile um die Wette. Die Opec wird – so machten ihre Ölminister in einer Sitzung am vergangenen Freitag klar – zunächst an der Förderpolitik festhalten. Nicht ganz so tief sieht die Weltbank den Ölpreis im kommenden Jahr. Sie prognostiziert für 2016 einen durchschnittlichen Preis von 51 Dollar pro Barrel. Damit würde er einen Dollar unter dem erwarteten Durchschnittspreis für 2015 liegen.

Jürgen Röder
Jürgen Röder
Handelsblatt / Redakteur Finanzzeitung
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