Orangensaft
Farmer streiten über Preise

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. So könnte es bald den Orangensaftproduzenten aus Brasilien ergehen, den mit Abstand wichtigsten Exporteuren auf dem Weltmarkt. Denn dort zankt sich seit Jahren die Konzentratindustrie mit ihren Zulieferern, den Orangenfarmern.

SAO PAULO. Die Farmer verlangen höhere Preise für ihre langfristigen Lieferverträge für Orangen. Die Hersteller wollen diese nicht zahlen, auch wenn die Notierungen für gefrorenes Konzentrat, wie derzeit, auf historischem Hoch liegen. Der lachende Dritte sitzt derweil am anderen Ende der Welt. Indien und China entwickeln sich zu großen Orangensaftproduzenten. Indien erntet mit Hilfe von Multis wie PepsiCo inzwischen rund zwei Mill. Tonnen Orangen, also rund ein Zehntel des brasilianischen Ertrags. China will bis zum Jahr 2020 sogar schon 1,5 Mill. Tonnen Konzentrat produzieren. Das ist mehr als doppelt so viel wie Brasilien heute herstellt.

Doch der brasilianische Verband der Konzentrathersteller Abecitrus gibt sich gelassen: „Brasilien wird dann genauso viel produzieren“, sagt Sprecher Ademerval Garcia, „die gute Nachricht ist außerdem, dass China dann immer noch eine halbe Millionen Tonnen Konzentrat importieren muss für den eigenen Bedarf.“

Für eine gewisse Gelassenheit sorgen auch die Preise, die mit über zwei Dollar auf Höchstniveau notieren (Grafik). Wegen der verbesserten Ernteaussichten in Brasilien sind sie zwar zuletzt etwas gesunken, doch liegen sie immer noch doppelt so hoch wie Mitte 2004. Seither haben Wirbelstürme und andere Wetterkapriolen für nachhaltige Ernteausfälle in Florida gesorgt. Von den Ausfällen wird sich das nach Brasilien weltweit zweitwichtigste Anbaugebiet noch lange nicht erholen: Brasiliens Branche erwartet nicht, dass Floridas Orangenernte in den nächsten zehn Jahren wieder über 200 000 Kisten (je 40,8 Kg) steigen wird. 2004 wurden dort noch fast 250 000 Kisten geerntet; zurzeit sind es nur etwa 140 000 Kisten. Angesichts der weltweit niedrigen Konzentratvorräte und der leicht rückläufigen Ernte in Brasilien – laut Statistischem Amt IBGE minus 1,1 Prozent –, werden die Preise also wohl länger hoch bleiben.

„Eigentlich ein guter Zeitpunkt, um den jahrelangen Streit zu beenden“, sagt Marcos Fava Neves, Professor für Agrarverhandlungen an der Universität von São Paulo. Für die Branche wird es höchste Zeit: Die Streitereien haben ein Niveau erreicht, das die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wie Farmer zunehmend beeinträchtigt. Vor einem Jahr wurden nach einer gemeinsamen Aktion der brasilianischen Bundespolizei und der Justiz 38 Manager der Konzentratbranche wegen der Bildung eines Kartells angeklagt. Die Zahlung einer Entschädigungssumme über 100 Mill. Real (rund 37 Mill. Euro), auf die sich die fünf betroffenen Unternehmen mit den Farmerverbänden und den Kartellbehörden geeinigt hatten, wurde in der Justiz gestoppt.

Nun könnten neue Schadensersatzforderungen von bis zu zwei Mrd. Real auf die Branche zu kommen. Dabei ist der Imageschaden noch nicht eingerechnet. „Eigentlich haben unsere Hersteller alles, was sie brauchen: die Technologie, den Weltmarkt und das Wachstumspotenzial“, sagt Marcos Jank, Direktor des Instituts zur Erforschung der internationalen Handelsbeziehungen Icone, „aber die größte Herausforderung ist jetzt, die Vertragsbeziehungen mit den Produzenten langfristig verbindlich zu regeln.“

Wenig vertrauensbildend ist dabei, dass die Hersteller die Macht der Produzenten durch zunehmende Vertikalisierung aushebeln: Rund ein Drittel aller Orangen produzieren die Konzentrathersteller selbst. Von den 23 000 autonomen Orangenfarmern, die es 1995 noch gab, sind heute nur 10 000 übrig.

Doch allein wird die Industrie Versorgungsprobleme bekommen: In den letzten zehn Jahren sind rund 100 000 Hektar Orangenplantagen mit Zuckerrohr bepflanzt worden. Wegen der steigenden Ethanol-Gewinnung und der hohen Zuckerpreise wird der Trend anhalten. „Die brasilianische Orangensaftindustrie gräbt sich ihr eigenes Grab, wenn sie weiterhin stur nur ihre eigenen Interessen verfolgt“, sagt ein Branchenkenner. Cutrale, der weltgrößte Orangensafthersteller, hat dies erkannt: Erstmals engagierte das bisher öffentlichkeitsscheue Familienunternehmen eine PR-Agentur, die das Image polieren soll.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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