Peu à peu: Eine Währung auf dem Weg nach oben
Der Euro spielt sich weiter auf

Hans Tietmeyer hatte es geahnt: „Der Euro hat weiter enormes Potenzial“ und „... die Märkte sollten sich nicht zu kurzfristig orientieren“, sagte der damalige Bundesbankpräsident am 20. Mai 1999 auf dem Internationalen Bankenabend in Frankfurt.

HB DÜSSELDORF. Es hat eine Weile gedauert, bis seine Vorhersage zur Realität wurde. Tietmeyer sagte seinerzeit, dass die internationale Attraktivität der Gemeinschaftswährung auch entscheidend davon abhängen werde, in welchem Maße das langfristige Vertrauen der Investoren gewonnen werden könne. Spätestens 2004 war es wohl so weit. Denn der Euro legte gleich einen fulminanten Start in das Jahr hin. Er wagte sich erstmals bis knapp an die Marke von 1,29 Dollar heran, an der er zunächst aber noch scheiterte. Am 19. Februar gelang es: Der Euro stieg bis auf das Rekordhoch von 1,2927 Dollar. Unerwartet gute US-Konjunkturdaten, Spekulationen über Interventionen der Europäischen Zentralbank (EZB) und eine wachsende politische Besorgnis über das hohe Kursniveau haben den Kurs der europäischen Gemeinschaftswährung dann aber um fast drei Cent gedrückt.

Den Durchbruch hatte die Erklärung der Finanzminister und Notenbankgouverneure der G7 nach ihrem Treffen in Boca Raton gebracht: „Wir bekräftigen, dass Wechselkurse die wirtschaftlichen Fundamentaldaten widerspiegeln sollen. Überzogene Schwankungen und ungeordnete Veränderungen der Wechselkurse sind nicht wünschenswert für das wirtschaftliche Wachstum. Wir werden weiter die Währungsmärkte genau beobachten und angemessen kooperieren ...“

Doch Analysten waren sich schon damals sicher: „Eine Korrektur, aber keine Trendumkehr“, lautete ihre Prognose für den Kurs des Euros. Sie sollten Recht behalten, auch wenn es erneut eine Weile dauerte. Hoffnungen auf eine nachhaltige Erholung der amerikanischen Wirtschaft ließen den Euro bis auf Werte von 1,18 Dollar zurückfallen. Allerdings währte der Kursrückgang nur kurz. Je nachdem wie die neuen Wirtschaftsdaten aus den USA ausfielen, zog der Euro vom Frühjahr bis zum Spätsommer mal mehr, mal weniger stark an. Insgesamt ging es aber peu à peu nach oben. Den endgültigen Ausbruch schaffte die europäische Gemeinschaftswährung Mitte Oktober. Der Euro stieg von Rekordhoch auf Rekordhoch und notierte am 8. Dezember in der Spitze bei 1,3470 Dollar.

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Über die Ursachen für die Schwäche des Dollars bestand quasi das ganze Jahr über weitgehend Einigkeit. An erster Stelle ist das hohe Defizit der USA im Außenhandel zu nennen. Viele Ökonomen halten nach wie vor eine Abwertung des Dollars für unvermeidlich, um die Handelsungleichgewichte abzubauen.

Einigkeit besteht daher auch darüber, dass die Euro-Stärke eigentlich eine Schwäche des Dollars ist. Diese wiederum gründet nicht zuletzt darauf, dass sich asiatische Länder – vor allem Japan und China – vehement im zurückliegenden Jahr gegen eine Aufwertung ihrer Währungen gewehrt haben. Damit hatte der Euro die Hauptlast der Dollar-Abwertung zu tragen.

Die Folgen für die Länder sind nicht unerheblich. Asiatische Notenbanken haben durch Dollar-Käufe inzwischen Währungsreserven angehäuft, die sich auf über zwei Billionen Dollar summieren. Die Abwertung des Dollars verursacht daher riesige Vermögensverluste in Asien. Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, sagte kürzlich. „Es sind keine Reserven in der klassischen Form“, aus den Währungsreserven sei praktisch eine „Währungshypothek“ geworden.

Viele Devisenexperten treibt auch unverändert die Frage um, ob die Dollar-Schwäche politisch von den USA gewollt ist. Die Beteuerungen des amerikanischen Finanzministers John Snow, dass die USA an ihrer „Politik des starken Dollars“ festhalten, werden – nicht nur von den Märkten – schon lange nicht mehr für bare Münze genommen. Zumal mehrere Vertreter der US-Notenbank Fed zuletzt angedeutet haben, dass sie eine Dollar-Abwertung für unvermeidlich halten, um die Leistungsbilanz wieder ins Lot zu bekommen. Um das Defizit zu finanzieren, wird der Bedarf der USA an ausländischem Kapital pro Tag inzwischen auf über zwei Milliarden Dollar veranschlagt. Sollten Investoren außerhalb Amerikas das Vertrauen in die US-Wirtschaft verlieren, wäre eine noch drastischere Abwertung des US-Dollars die Folge.

Strittig ist die Frage, wann die EZB in das Geschehen eingreifen soll. Als kritische Marke sehen Experten einen Kurs von 1,42 Dollar.

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