Politische Unruhen an der Elfenbeinküste sorgen für Trendwende, obwohl das Angebot wieder wächst
Experten erwarten höhere Kakaopreise

Analysten in London sehen den Preis für Kakao nach dem 30-prozentigen Verfall der vergangenen zweieinhalb Jahre wieder im Aufwärtstrend. Der Grund: Die erneute Verschlechterung der politischen Situation in der Elfenbeinküste.

LONDON. Kaum ein anderer Rohstoff ist von den politischen Entwicklungen eines einzigen Landes so abhängig wie Kakao. 40 Prozent des weltweiten Angebots stammen aus der westafrikanischen Republik. Mitte Juni flüchteten Kakaobauern von ihren Feldern, als etwa 100 aus ihren Reihen in ethnischen Kämpfen ums Leben gekommen waren. Regierungstruppen im christlichen Süden des Landes und Rebellen im muslimischen Norden prägen das Bild. Erst vergangene Woche drohten die Rebellen damit, ihre Waffen nur dann niederzulegen, wenn die Milizen der Regierung das auch tun.

6000 Uno-Soldaten und 4000 französische Soldaten wachen derzeit über dem Frieden in dem Land der „Götterspeise“. 1753 war der schwedische Forscher Linne von dem Geschmack der Kakaofrüchte derart angetan, dass er den Gewächsen den Namen „Theobroma“, Speise der Götter, gab. Der „Theobroma cacao“ kann Blüten und Früchte zur gleichen Zeit tragen – er blüht praktisch das ganz Jahr hindurch und wird in der Regel zweimal im Jahr abgeerntet.

Weil der Baum ein überaus feuchtes, und heißes Klima braucht, wächst er hauptsächlich in Ländern in unmittelbarer Nähe des Äquators. Ghana, der Nachbar der Elfenbeinküste, ist denn auch mit einer Ernte von 700 000 Tonnen im Jahr (etwa halb so viel wie die der Elfenbeinküste) der zweitgrößte Kakaoproduzent der Welt. Indonesien, der drittgrößte Anbieter, kommt auf gut 400 000 Tonnen.

Kakaogetränke erfrischten bereits die Mayas und die Azteken. 1527 überreichte der Eroberer Mexikos, Cortez, Karl V. eine erste Geschmacksprobe. Danach begann der „Siegeszug“ des Kakaos in Europa, wie es im Lexikon heißt. Mit „Schokolade“ war lange Zeit auch in Europa nur das Getränk gemeint. Erst 1674 wurden in London die ersten Schokoladenriegel hergestellt. Diese blieben dann bis zum 19. Jahrhundert ein Luxusartikel der Oberschichten – als die Royal Navy damit begann, diese an Wache stehende Matrosen als Alternative zu Rum auszugeben.

Der einstige Siegeszug des Kakaos hat sich heute am Weltmarkt eher verlangsamt; der Verbrauch wächst um kaum mehr als zwei Prozent im Jahr. Wie bei Kaffee siedelt die Londoner „Economist Intelligence Unit“ (EIU) die künftigen Verbrauchszunahmen vor allem in Schwellenländern und -regionen wie Russland, Osteuropa, China, dem übrigen Asien und Südamerika an. Etwa ein gutes Drittel der Vermahlungen der Kakaobohnen fand bisher in Europa statt. Inzwischen machen jedoch Produzentenländer wie Malaysia, Elfenbeinküste und Brasilien Anstrengungen, ihre eigenen Vermahlungskapazitäten auszubauen

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„Kurz bis mittelfristig“ vermag die EIU zwar noch eine Reihe von Stützungsfaktoren für den Kakaopreis auszumachen, wie die relativ niedrigen Vorräte der USA und ein für 2004/05 erwartetes um etwa fünf Prozent rückläufiges Welt-Kakaoaufkommen. 2005/06 und 2006/07 würden dann jedoch vor allem reichlichere Ernten Ghanas und Indonesiens zu einem wachsenden Überangebot am Weltmarkt beitragen. Nigeria, mit 165 000 Tonnen der fünftgrößte Anbieter am Weltmarkt, will bis 2008 seine Produktion gar verdreifachen.

Schon jetzt entsprechen die Vorräte laut EIU etwa 44 Prozent einer Jahresproduktion – in der Regel reichen gut 30 Prozent als Puffer gegen Lieferausfälle. Gegen Ende des Wirtschaftsjahres 2006/07 drohten die Bestände gar den höchsten Stand seit 1998/99 zu erreichen. Von der jüngsten zyklischen Erholung des Preises auf immerhin 72 Cent im dritten Quartal 2004 könnte mit voraussichtlich 57 Cent je Pfund im Herbst 2007 kaum noch etwas übrig bleiben.

Das ändere freilich nichts an der vorläufigen Nervosität des Marktes über die Entwicklungen in der Elfenbeinküste. Im Vorfeld der dort für Oktober geplanten Wahlen droht sich die Situation nach Expertenansicht eher zu verschärfen als zu verbessern.

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