Präsidentschaftswahlen, Notenbankkommentare und asiatische Wechselkurspolitik schaffen hohen Grad an Unsicherheit
Dollar im Abwärtssog der Politik

Der Schwächeanfall des Dollars in den vergangenen zwei Wochen ist für viele Analysten nicht überraschend gekommen.

FRANKFURT/M. Sie hatten mit Verweis auf das hohe Defizit der USA im Außenhandel – die Amerikaner importieren deutlich mehr, als sie exportieren – schon lange eine neue Abwärtsbewegung vorausgesagt. Denn ein schwächerer Dollar macht amerikanische Waren billiger, die Exporte nehmen zu, und das Defizit im Außenhandel nimmt ab. Plötzlich steht das Thema US-Leistungsbilanzdefizit, das seit Frühjahr kaum noch eine Rolle gespielt hat, wieder ganz oben auf der Liste der Diskussionsthemen.

Zum Euro fiel der Greenback gestern zeitweise bis auf 1,2841 Dollar. Er verfehlte damit nur knapp seinen Tiefststand seit Einführung des Euros im Jahr 1999, der bei 1,2927 Dollar je Euro liegt. Auch gegenüber anderen wichtigen Währungen gab der Dollar seit Mitte Oktober kräftig nach. Der Dollar-Index, der die Wertentwicklung des Dollars zu einem Korb wichtiger Währungen misst, fiel seither um vier Prozent.

Viele Analysten treibt die Frage um, ob die jüngste Dollarschwäche politisch gewollt ist. Anlass für den Verdacht ist, dass mehrere Vertreter der US-Notenbank Fed jüngst durchblicken ließen, dass sie eine Dollar-Abwertung für unvermeidlich hielten, um die Leistungsbilanz wieder ins Lot zu bekommen. „Wechselkursbezogene Themen liegen typischerweise allein in der Verantwortung des Finanzministeriums“, sagte dazu der Währungsstratege von Goldman Sachs, Thomas Stolper. Auch sein Kollege Stephen Jen von Morgan Stanley hält die Welle von Kommentaren zum Dollar für „sehr wichtig“. Er hatte sich bisher dezidiert der Mehrheitsmeinung entgegengestellt und einen stabilen bis erstarkenden Dollar vorausgesagt. „Meine Prognose ist im Lichte eines möglichen Schwenks hin zu einer Politik des schwachen Dollars in Gefahr“, schreibt Jen in seinem jüngsten Bericht. Ob es diesen Schwenk tatsächlich gebe, sei aber noch eine offene Frage.

Beträchtlich erhöht wird die politische Unsicherheit dadurch, dass in wenigen Tagen Präsidentschaftswahlen in den USA stattfinden. Sollte Herausforderer John Kerry ins Weiße Haus einziehen, brächte er auch einen neuen Finanzminister und möglicherweise eine neue Dollar-Politik mit. Und selbst eine Bestätigung von George Bush bedeutet nicht unbedingt, dass Finanzminister John Snow im Amt bleibt. Da über das sensible Thema Dollar-Politik im Wahlkampf nicht geredet wird, sind die Märkte auf Spekulationen angewiesen. Morgan-Stanley- Analyst Jen vermutet, dass Kerry einem schwachen Dollar stärker zugeneigt wäre als Amtsinhaber Bush. Als Indiz dafür dient ihm, dass der frühere Finanzminister unter dem Demokraten Bill Clinton, Larry Summers, auf dem jüngsten G7-Treffen in Washington für die Idee eines internationalen Abkommens zur Abwertung des Dollars geworben haben soll.

David Bloom von HSBC in London betont in einer Analyse zur Dollar-Politik von vergangenem Freitag, dass die Wechselkurspolitik weniger von politischen Unterschieden zwischen den Parteien als von pragmatischen Erwägungen bestimmt ist. „Wir würden argumentieren, dass für Kerry ebenso wie für Bush ein schwächerer Dollar der Weg des geringsten Widerstands zur Aufrechterhaltung des Aufschwungs und zum Abbau der bestehenden Ungleichgewichte sein könnte.“

Weitgehend im Dunkeln tappen die Analysten in zwei weiteren für die Zukunft des Dollars wichtigen Fragen. Die erste lautet: Wie entwickelt sich das Haushaltsdefizit unter Kerry oder Bush? „Abwertung ist eine notwendige Bedingung für den Abbau eines Defizits im Außenhandel, aber sie ist meist nicht ausreichend“, gibt John Llewellyn, Chefvolkswirt von Lehman Brothers zu bedenken. In aller Regel sei dafür auch eine Straffung der Finanzpolitik nötig. „Wegen des offenen Ausgangs der Wahl haben die Investoren kaum eine Ahnung, ob und wann die USA beginnen werden, ihr Haushaltsdefizit einzudämmen“, sagt Llewellyn.

Die zweite Frage lautet: Wann gibt die Volksrepublik China ihren Wechselkurs frei? Washington drängt Peking, die Wechselkursbindung zum Dollar aufzuweichen und eine Aufwertung der eigenen Währung zuzulassen. Dies könnte jederzeit stattfinden, meinen einige Experten, und die anderen asiatischen Währungen mit nach oben ziehen. Es könnte aber auch noch längere Zeit dauern, und Japan und andere asiatische Länder könnten sich weiter mit massiven Dollarkäufen einer Aufwertung entgegenstemmen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%