Produktionsdefizit treibt den Preis
Zucker schlägt sich gut

Die meisten Agrarrohstoffe konnten sich dem letztjährigen Abschwung an den Rohstoffmärkten nicht entziehen. Mit einer Ausnahme: Zucker. Der Preis für den Zuckerkontrakt No. 11 ist allein seit Dezember um mehr als 20 Prozent gestiegen, und Analysten sehen weiteres Potenzial.

LONDON. Zucker hat sich von den übrigen Agrarmärkten eindeutig „abgekoppelt“, meint Toby Cohen vom Londoner Handelshaus Czarnikov. Der Grund: Nach zwei Jahren an Produktionsüberschüssen droht dem Markt im Produktionsjahr 2008/09 (Okt./Sept.) der größte Ernteeinbruch seiner Geschichte. Selbst die in ihren Prognosen sonst eher betuliche Economist Intelligence Unit, EIU, geht für 2009 und 2010 von weiteren Preissteigerungen aus.

„In wohl keinem anderen Rohstoff sind die Haussespekulanten an den Märkten schon seit Monaten so fest etabliert wie bei Zucker“, meint Kona Haque von der Macquarie Bank in London. Dennoch hat sich der Preisauftrieb zuletzt nachgelassen. Der No. 11 Kontrakt schwankt zwischen zwölf und 13 Cents je Pfund. Noch befürchten Skeptiker, dass die Rezession den Zuckerverbrauch in Mitleidenschaft ziehen könnte.

Zwar reagiert die Nachfrage in den hoch entwickelten OECD-Ländern in der Regel eher inelastisch, also nur wenig auf konjunkturelle Veränderungen, schreiben die Experten des Zuckerhandels- und analysehauses Kingsman. Doch Wachstumsschwankungen in den Schwellenländern schlagen auf den Verbrauch durch. Daher könnte der Welt-Zuckerbedarf in den nächsten zwei Jahren um nur noch 1,9 Prozent bzw. 1,7 Prozent steigen; 2008 waren es etwa drei Prozent.

Die Spekulanten an den Terminmärkten in London und New York setzen indes auf die erwarteten Ernterückgänge. Die Rohrzuckerernte Indiens wird 2008/09 Schätzungen zufolge um zehn Mio. auf 18 Mio. Tonnen einbrechen. Ähnlich den Produktionszyklen bei den Kaffeeernten Brasiliens soll den Indern dann 2009/10 ein weiteres mageres Erntejahr ins Haus stehen. Dieser Ernteeinbruch ist der Hauptgrund für die Trendwende am Zuckermarkt, an dem Indien jetzt als Importeur auftritt. Zudem soll die Erzeugung Chinas, des drittgrößten Produzenten der Welt, 2008/09 wetterbedingt und wegen des unzulänglichen Einsatzes von Düngemitteln deutlich schrumpfen.

Laut Toby Cohen von Czarnikov trägt aber auch die Europäische Union mit ihrer 2004 eingeleiteten Reform des Zuckermarktes zu der angespannteren Versorgungslage bei. Die Rübenproduktion wird in den 27 EU-Ländern 2008/09 auf gut 15 Mio. Tonnen schrumpfen nach mehr als 21 Mio. Tonnen 2004/05. Damals fiel das Aufkommen an Rübenzucker – wichtige Produzenten sind auch Russland, die Ukraine und die Türkei – noch mit über 40 Mio. Tonnen am Welt-Zuckermarkt ins Gewicht. 2008/09 wird er mit 32 Mio. Tonnen nur noch einen Anteil von etwa einem Fünftel an der globalen Zuckerproduktion haben, auf Rohrzucker entfallen rund 123 Mio. Tonnen.

Die weitere Preisentwicklung wird laut Kona Haque aber vor allem von Brasilien abhängen, dem größten Zuckerproduzenten und –Exporteur der Welt. Dessen Ernte soll 2008/09 um zehn Prozent auf über 35 Mio. Tonnen steigen, die Exporte könnten um fast 2,5 Mio. Tonnen auf 22,5 Mio. Tonnen hoch schnellen. „Dieser Anstieg würde reichen, um Indiens neuen Importbedarf 2009 bequem zu decken“, meint Haque. Sollte allerdings Brasilien wegen eines erneut steigenden Ölpreises wieder mehr Zucker zu Ethanol verarbeiten, kann sich das Bild grundlegend wandeln. Dann würden auch die gegenwärtig noch preisbremsenden weltweiten Vorräte wieder sinken. „Der No. 11 in New York könnte dann ohne weiteres die Marke von 15 bis 16 Cents je Pfund „testen“, meint ein Händler an der Londoner Zuckerbörse.

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