Rekordernte
Weizenpreis stürzt weltweit ab

Vor einigen Monaten konnten Anleger mit Weizen noch gutes Geld verdienen. Doch der Hochpreis hat zu einem drastischen Überangebot auf dem Weltmarkt geführt, das nun massiv auf den Preis drückt. Derzeit wird das Getreide noch zu einem Drittel des Kurses von Anfang 2008 gehandelt. Experten erwarten, dass es weiter abwärts geht.
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CHICAGO. Anfang 2008 gehörte Weizen zu den Rohstoffen, mit denen Anleger am besten verdienen konnten. In Ländern wie Bangladesch, der Elfenbeinküste und Haiti gab es Unruhen, weil Nahrungsmittel knapp wurden. Der Preis des meistangepflanzten Getreides der Welt verdreifachte sich gegenüber dem Vorjahr auf einen Höchststand von 13,495 Dollar je Bushel (35,2 Liter). Am vergangenen Freitag wurden für das Bushel in Chicago dagegen nur noch 4,94 Dollar gezahlt, zehn Prozent weniger als noch zu Wochenbeginn. Der hohe Preis des Vorjahres motivierte Bauern von Australien bis Kanada, statt anderer Feldfrüchte lieber Weizen anzubauen. Der massive Angebotsschub drückt nun die Preise.

"Es gibt ein Überangebot," sagt John Brynjolfsson vom kalifornischen Hedge-Fonds Armored Wolf, und erklärt: "Hohe Lagerbestände wirken sich auf Weizen schlimmer aus als auf praktisch alle anderen Rohstoffe." Brynjolfsson geht davon, dass der Weizenpreis zum Jahresende bis auf vier Dollar je Bushel sinken könnte. Das wäre, aufs Jahr gesehen, mit einem Rückgang um 35 Prozent der stärkste Einbruch seit dem Jahr 1990.

Lagerbestände sind drastisch in die Höhe geschnellt

Hohe Preise regten zuletzt die Produktion an. Die Weltproduktion des Getreides hat im Wirtschaftsjahr bis Ende Mai um zwölf Prozent zugelegt und das Rekordvolumen von 682,3 Mio. Tonnen erreicht. Für das laufende Jahr erwartet das US-Wirtschaftsministerium mit 668,1 Mio. Tonnen die zweitbeste Ernte, die je eingefahren wurde. Dies dürfte die Lagerbestände drastisch in die Höhe treiben. Die globalen Weizenreserven werden nach einer Schätzung der USA bis Ende Mai 2010 um zwölf Prozent auf 186,7 Mio. Tonnen steigen.

Der Preisabsturz ist offenbar noch nicht zu Ende. Die französische Großbank Société Générale erwartet, dass der Weizenpreis am Terminmarkt Chicago bis zum Jahresende auf 4,30 Dollar je Bushel fällt. Dies wäre ein erneuter Rückgang um 13 Prozent. Die Entwicklung kommt überraschend. Bis vor einer Woche war von solch einem negativen Ausblick am Markt noch nichts zu spüren. Da Regen die Aussaat in den USA verzögerte, kletterte der Weizenpreis vom Monatsanfang bis 23. Oktober um 26 Prozent in die Höhe und legte damit die stärkste Rally hin, die es in diesem Monat seit mindestens 50 Jahren gegeben hat. "Der Markt hat etwas übertrieben", sagt Mitch Morison vom australischen Getreidehändler AWB Ltd. in Melbourne. "Es gab hie und da Bedenken, aber generell sieht es immer noch gut aus für die Ernte."

Der Internationale Getreiderat prognostizierte am 29. Oktober, dass die globalen Getreidevorräte Ende Juni auf 188 Mio. Tonnen anwachsen werden, von 165 Mio. Tonnen ein Jahr zuvor. In der Europäischen Union sind die Weizenbestände in den zwölf Monaten bis Ende Mai um 48 Prozent gestiegen.

Hoffnung für das kommende Wirtschaftsjahr

Ändern die Landwirte ihre Anbaustrategie in Reaktion auf den Preisrückgang und schwenken auf Mais oder Sojabohnen um, dürfte dies den Weizenpreis mittelfristig wieder stützen. "Im Wirtschaftsjahr 2010/11 dürfte es wieder etwas aufwärts gehen", sagt Analyst Luke Chandler von der Rabobank Group, dem weltgrößten Kreditgeber landwirtschaftlicher Unternehmen. "In aller Welt reagieren die Erzeuger auf die niedrigeren Preise und senken ihre Produktion."

Quelle: Bloomberg

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  • Die Erzeuger schreiben jetzt schon rote Zahlen, die intensitäten werden weiter zurückgefahren.
    ich bin selbst Landwirt im Nebenerwerb und betreibe nur den allernötigsten Aufwand.Das wird die Agro-Chemie industrie auch bald zu spüren bekommen.

    Man arbeitet in der Landwirtschaft nur noch für andere Wirtschaftszweige (Landmaschinen und Anlagenbauer, Düngeindustrie, Chemie usw.)nur für den Erzeuger bleibt kein Geld übrig.

  • Guter Artikel! ich würde gerne öfters Artikel über Agrarohstoffe lesen. Wichtig ist auch die Aktualität. Die Entwicklung der letzten Wochen mit ihren Hintergründen ist interessant, doch nichts ist so alt wie der Kurs von gestern.

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