Rekordhoch zum Dollar
Eurostärke sorgt für Streit

Der neuerliche Anstieg des Eurokurses über 1,36 Dollar bis in die Nähe seines Allzeithochs hat den Streit zwischen der französischen Führung und der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder ausbrechen lassen. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sagte am Montagabend, der Euro sei überbewertet. Er forderte, die Währungspolitik solle dafür eingesetzt werden, Wachstum und Beschäftigung in Europa zu fördern.

FRANKFURT. Am gestrigen Dienstag stieß der französische Agrarminister und frühere EU-Kommissar Michel Barnier ins gleiche Horn. Er sagte in einem Fernsehinterview, die Einigung über den neuen EU-Vertrag erlaube es nun, zu prüfen, „wie man sicherstellen kann, dass der Euro nicht nur ein Schutzschild ist, sondern ein Werkzeug für mehr Wachstum.“

EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi hielt in Rom dagegen, die Aufteilung der Verantwortlichkeiten in der Währungspolitik im Euro-Raum habe sich bewährt und funktioniere besser als in den USA oder Japan, wo die Verantwortung bei den Finanzministern liege. Im Euro-Raum ist die Zuständigkeit zwischen EZB und Finanzministerrat geteilt. Die Trennlinien sind nicht klar geregelt, aber de facto hat die EZB bisher den Primat. Die französische Führung würde die Kräfteverhältnisse gerne verschieben.

Bini Smaghi forderte die Regierungsvertreter auf, mit einer Stimme zu sprechen und eine einheitliche Botschaft zu vermitteln. Alles andere sei kontraproduktiv.

Die deutsche Industrie teilt die Sorgen der französischen Führung um die Wettbewerbsfähigkeit nicht. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, sagte am Dienstag in Berlin: „1,36 Dollar beunruhigt mich noch nicht.“ Bei diesem Kursniveau ergäben sich noch keine Beeinträchtigungen für die deutsche Exportwirtschaft. „Erst wenn der Euro die Schallmauer von 1,40 erreicht oder überspringt, werde ich beunruhigt oder besorgt“, ergänzte Thumann.

Der Euro war am späten Dienstag Nachmittag nur noch gut einen halben Cent von seinem Allzeithoch von 1,3682 Dollar entfernt. Auch gegenüber dem britischen Pfund war der Dollar schwach. Trotz der Verunsicherung durch mehrere vereitelte Terroranschläge in London und einen Anschlag in Glasgow stieg die britische Währung auf den höchsten Stand seit 26 Jahren gegenüber dem Dollar. Der japanische Yen dagegen war ebenso schwach wie der Dollar. Der Euro markierte am Dienstag zwischenzeitlich ein neues Rekordhoch bei 167,18 Yen.

Die Kursgewinne des Euro gegenüber dem Dollar in den letzten zwei Tagen weisen kaum Bezug zu den zuletzt bekannt gewordenen Konjunkturdaten auf. Am Montag war in den USA ein unerwarteter Anstieg des Einkaufsmanagerindex vermeldet worden, was normalerweise den Dollar stärken sollte. Währungsexperten betonen vor allem die unterschiedlichen Erwartungen für die Leitzinsentwicklung, um die Kursbewegungen zu erklären. So wird allgemein damit gerechnet, dass EZB und Bank of England ihre Leitzinsen jeweils noch um mindestens einen halben Punkt anheben werden, während in den USA und Japan auf absehbare Zeit keine Zinserhöhungen erwartet werden.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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