Riesige Rohstoffader in Kanada
Eisenerz aus dem Eisbärenland

Aus der kanadischen Arktis sollen die europäischen Stahlschmieden in Zukunft ihr Erz beziehen. Mindestens 365 Millionen Tonnen des Rohstoffs liegen dort im Eis. Bis aber der Abbau beginnen kann, bleibt noch jede Menge zu tun. Ein Besuch im Mary-River-Camp hoch im Norden Kanadas.

MARY-RIVER-CAMP. Das Eisenerz und die Luft sind eiskalt – etwa minus 30 Grad. Nach wenigen Sekunden schmerzen die ungeschützten Hände, die die Gesteinsbrocken halten. Die Handflächen sind rot von der Farbe, die das Eisenmineral Hämatit abgibt. Gordon McCreary, Präsident der Baffinland Iron Mines Corporation, wirft die Erzstücke zurück auf die Erzhalden, die von Tag zu Tag wachsen. „Das ist alles für Europa bestimmt“, sagt er.

McCreary strahlt. Eisiger Wind und Sonne geben seinem Gesicht eine rosige Frische. Hier im Permafrostboden im Norden der Baffin-Insel in Kanadas Arktis will er ein Projekt verwirklichen, von dem er bereits vor 30 Jahren als Ingenieur-Student geträumt hat: das Mary River-Projekt, eine Eisenerzmine mit schier unermesslichen Reserven. Im Herbst, so hofft er, wird er einen großen Schritt weiter sein. Dann sollen 250 000 Tonnen Erz für Tests in den Hochöfen europäischer Stahlerzeuger nach Europa verschifft werden.

Die zweimotorige Dornier 228 braucht zweieinhalb Stunden von Iqaluit, der Hauptstadt des Arktisterritoriums Nunavut, zum 1 000 Kilometer entfernten Mary-River-Projekt. Der Flug geht über eine endlose schneebedeckte Steinwüste. Vereiste Flüsse mäandern durch die weiße Landschaft, die die Sonnenstrahlen grell reflektiert. Unvermittelt tauchen das braune Band einer Straße und die langgestreckten Zeltbauten mit orangefarbenen Streifen aus dem Weiß auf: Inmitten der arktischen Wüste steht das Camp, Arbeitsplatz und Wohnort für 200 Menschen. Der nächste Ort, die Inuit-Gemeinde Pond Inlet, ist 160 Kilometer entfernt. Bis zum Nordpol sind es 2 000 Kilometer – näher als Toronto, wo Baffinland seinen Sitz hat.

Die Dornier setzt auf der holprigen Piste auf. „Willkommen im Mary River Projekt“, verkündet ein Schild auf Englisch und in der Inuit-Sprache Inuktitut. In einer Hütte am Rande des Camps wird das Gepäck der Ankommenden durchsucht. „Kein Tropfen Alkohol darf mitgebracht werden“, sagt der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes – eine Vorsichtsmaßnahme.

In Serpentinen führt eine Schotterstraße auf eine Anhöhe wenige Kilometer vom Camp entfernt. Bagger haben Schnee und Eis beiseite geräumt. Der Boden ist rotbraun. Hier liegt das „Deposit 1“, eins von vier Eisenerzlagern. Es ist eine Mischung der eisenhaltigen Mineralien Hämatit und Magnetit. Sie liegen direkt an der Erdoberfläche. Firmenchef McCreary ist überzeugt: „Dies ist ein Eisenerzdepot von Weltformat.“ In den 60er-Jahren waren die Lagerstätten entdeckt worden. Aber frühere Versuche, das Erz abzubauen, scheiterten. Es war zu teuer und der Eisenerzpreis zu niedrig. Vor allem ein Hindernis schien unüberwindbar: der Transport zu den Märkten. Die Gewässer der Polarregion waren damals noch rund ums Jahr zugefroren. Nun sieht es aufgrund des Klimawandels anders aus: Mehrere Monate ist der Seeweg durch Hudson-Straße und Foxe Bassin offen. Selbst im Winter könnte die Route mit eisgängigen Frachtern befahren werden. Und die Preise für Eisenerz sind in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. „Mir war immer klar, dass wir für dieses Projekt einen robusten Markt brauchen. Dieser Markt ist jetzt da“, meint McCreary (siehe Kasten).

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