Rohöl
Spekulation beruhigt sich

Der langfristig steigende Verbrauch in China, sinkende Reserven in Nahost, und nun auch noch die Eskalation in Iran: Mit bangem Blick verfolgen die Börsianer die Nachrichtenlage rund um den Rohölpreis. Als sich im Sommer die Experten allerdings einig waren, dass die Marke von 100 Dollar für ein Barrel Öl (159 Liter) erreicht werde, etablierte sich prompt ein Abwärtstrend. Nun weist der wichtigste Energieträger ausgerechnet im Winter sinkende Notierungen auf. Ein Widerspruch?

HB DARMSTADT. Ein immer wieder unterschätztes Werkzeug für die Richtungsbestimmung von Börsentiteln ist die technische Analyse. Einfach einzuzeichnende Linien verdeutlichen nicht nur Trendrichtung und -stärke, sondern geben auch mögliche Wendepunkte in der künftigen Entwicklung vor. Oft sind auch Experten verblüfft, wie gut sich diese Methoden in der Praxis bewähren. Je marktbreiter ein Titel ist, desto eher folgt er den Ansätzen der klassischen Charttheorie: Die Summe der Entscheidungen aller Marktteilnehmer führt zu trendförmigen Bewegungen. Da sich der Preis aus Angebot und Nachfrage unzähliger Individuen zusammensetzt, können einzelne Transaktionen kaum zu starken Preisverzerrungen führen.

Der Ölpreis folgt seit Ende 1998 einem übergeordneten Aufwärtstrendkanal, dessen jüngere Entwicklung auch im untenstehenden Schaubild zu erkennen ist. Die untere Trendbegrenzung wurde dabei seit Ende 2003 nicht mehr getestet. Dafür stieß der Ölpreis umso häufiger an die obere Begrenzung des Trendkanals, die parallel zur unteren Aufwärtstrendlinie verläuft. Ab Herbst 2003 trieb die beginnende Rohstoffspekulation den Kurs in eine neue, steilere Aufwärtsbewegung. In einer zweiten Spekulationswelle, die Anfang 2005 begann, entfernte sich der Ölpreis dann auch von diesem Trend und stieg noch steiler an. Diese zweite Spekulationswelle trug den Kurs sogar über den Trendkanal. In der Spitze erreichte der Preis 67,50 Dollar je Barrel. Ein Indiz für die völlig übersteigerten Preise waren die Ölnotierungen an den Futures-Märkten, die noch erheblich höher lagen als der tatsächliche Marktpreis.

Die zu diesem Zeitpunkt längst nur noch durch Spekulation, nicht durch tatsächliche Ölknappheit hochgepushten Notierungen sackten alsbald wieder ein. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich im Zeitraum zwischen August und September 2005 mit den Kursspitzen über 65 Dollar eine obere Trendwendeformation in Form einer Schulter-Kopf-Schulter.

Eine solche Konstellation besteht aus drei Hochpunkten. Die beiden äußeren bilden die Schultern, die höher gelegene Spitze in der Mitte den Kopf. Schließt der Wert die Formation mit dem Fall unter die Zwischentiefs der beiden Schultern ab, so ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass die vorangegangene Aufwärtsbewegung zu Ende ist. Dies war beim Öl im Oktober der Fall, als die Notierung erstmals wieder unter 61 Dollar sank.

Aktuell bewegt sich das in Europa maßgebende Nordseeöl der Marke Brent Blend zwischen einer Unterstützung bei 52 Dollar und einem Widerstand bei 60 Dollar pro Barrel. Vorausgesetzt, der Konflikt um das Atomprogramm des Irans weitet sich nicht zu einem Flächenbrand aus, spricht der Chart zunächst für weiter fallende oder zumindest seitwärts laufende Ölpreise.

Das erste Kursziel liegt im Bereich des dünn eingezeichneten Aufwärtstrends bei aktuell 52 Dollar. Sollte der Kurs auch unter die in diesem Bereich verlaufende Unterstützung sinken, so wäre der im Herbst 2003 begonnene Aufwärtstrend nach unten durchbrochen. Kommt es zu diesem Szenario, sind bis Sommer nächsten Jahres auch wieder Notierungen im Bereich des übergeordneten Aufwärtstrends bei 45 Dollar denkbar, bevor das Öl dann wieder teurer wird.

Hans-Dieter Schulz ist Experte für technische Analyse und Mitherausgeber der Hoppenstedt-Charts, Lutz Mathes ist sein Mitarbeiter.

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