Rohstoff-Kasino

Wie Banken mit Nahrungsmitteln zocken

Foodwatch greift die Deutsche Bank frontal an. Die Banker seien mit ihrer "Zockerei" schuld daran, dass Millionen Menschen hungern, schimpft die Verbraucherorganisation. Sie fordert: Rohstofffonds gehören verboten.
Update: 18.10.2011 - 12:06 Uhr 22 Kommentare
Weizenähren auf einem Feld bei Stuttgart: Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert ein Verbot von Rohstofffonds und Zertifikaten. Quelle: dpa

Weizenähren auf einem Feld bei Stuttgart: Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert ein Verbot von Rohstofffonds und Zertifikaten.

(Foto: dpa)

Berlin/Frankfurt/DüsseldorfDie Botschaft des Briefes ist eindeutig: "Sehr geehrter Herr Ackermann, die Investmentbanken und damit auch Sie persönlich tragen Mitschuld daran, dass die Menschen in den ärmsten Ländern Hunger leiden und am Hunger sterben", schreibt Thilo Bode an Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. "Sie schädigen mit Spekulationen auf die Nahrungsmittelpreise das globale Gemeinwohl."

Bode ist Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Foodwatch. Er präsentiert heute eine Studie, deren Inhalt dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. "Die Hungermacher - Wie Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren" heißt die knapp 90 Seiten starke Anklageschrift gegen die Finanzbranche.

"Die unverantwortliche Zockerei im globalen Rohstoff-Kasino muss durch klare Spielregeln eingedämmt werden", sagt Ex-Greenpeace-Chef Bode. Foodwatch forderte ein Verbot von Rohstofffonds und Zertifikaten auf Rohstoffe. Die Banken rief die Organisation zum Verzicht auf Spekulationen mit Nahrungsmitteln auf.

Die Wut auf die Finanzkonzerne wächst, nicht zuletzt wegen ihrer Wetten auf den Rohstoffmärkten. Bundespräsident Christian Wulff sagte kürzlich, die hohen Preisschwankungen, ausgelöst von Spekulanten, führten dazu, dass viele Menschen in der Welt Hunger litten. Klaus Josef Lutz, Vorstandschef beim Agrarkonzern Baywa, meint, dass der Einfluss der Banken und Fonds auf die Preise mittlerweile sehr groß sei, sehr viel größer als noch in früheren Jahren: "Der Markt ist unberechenbar geworden."

Global operierende Banken und große Fonds haben das Rohstoffmonopoly längst als lukratives Spielfeld entdeckt und bewegen sehr viel Geld, egal ob es um Schweinbäuche, Mais oder Sojabohnen geht.

Bis Ende März dieses Jahres hatten Spekulanten den Experten des britischen Finanzkonzerns Barclays zufolge mehr als 400 Milliarden Dollar in Wertpapiere investiert, mit denen sie auf steigende Preise am Rohstoffmarkt spekulierten. Etwa ein Drittel dieser Summe floss in Anlagen für Agrarrohstoffe; und diese Summe steige monatlich um fünf bis zehn Milliarden Dollar an, schreiben die Barclays-Analysten. An der Rohstoffbörse in Chicago beispielsweise wurden allein im Mai rund 350 Millionen Tonnen Weizen virtuell gehandelt. Das ist mehr als die Hälfte der weltweiten Weizenproduktion dieses Jahres. Die Folge: Die Spekulanten treiben die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe. In den vergangenen zehn Jahren ist der Preis für Reis um 315 Prozent und der für Mais um 215 Prozent gestiegen; Sojabohnen haben sich um 192 Prozent verteuert.

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22 Kommentare zu "Rohstoff-Kasino: Wie Banken mit Nahrungsmitteln zocken"

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  • "Die Spekulanten treiben die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe. In den vergangenen zehn Jahren ist der Preis für Reis um 315 Prozent und der für Mais um 215 Prozent gestiegen; Sojabohnen haben sich um 192 Prozent verteuert."
    MM die Tatsache das wir aus Nahrungsmitteln Sprit machen (Hallo E10) und das wir immer mehr Menschen werden und die generelle Inflation und Flächenbrände von Russischen Feldern auf denen andere Grundnahrungsmittel angebaut wurden, die jetzt durch andere Rohstoffe ersetzt werden müssen, hat damit natürlich nichts zu tun.

  • Es ist wirklich kompletter Unsinn, die Spekulationen für die Preisentwicklung verantwortlich machen zu wollen. Die Spekulationen wirken sich fast gar nicht auf die meist langfristigen Lieferverträge sowie die kurzfristigen Preise im Erzeugerbereich vor Ort aus, wie jeder selbst sehen kann, der sich intensiver damit beschäftigt. Aber es ist guter Stoff für Journalisten, Sensationen und Sündenbock-Sucher .. Buffets Kommentare zu Hebelpapieren etc. sind auch nur ein Zeichen davon, das er alt wird (oder aber absichtlich desinformiert, was er auch schon früher gerne mal machte)

  • Das Problem ist, dass Banken wenn sie fuer die eigene Tasche spekulieren, typischerweise Giralgeld verwenden welches fuer die Spekulation selbst in Existenz geliehen wird. Mit massiven Summen werden dann Maerkte kurzfristig bewegt, Kleinstgewinne erwirtschaftet, und Leihgelder "zurueckbezahlt". Das Ganze passiert in solchen Volumina, das es sich fuer die Bank lohnt. Gehts natuerlich schief, dann kostet es den echten Anleger, weil die Bank dann Verluste durch Grossverkaeufe anderer Anlagen deckt.
    Mit anderen Worten, das Problem is weniger das Banken spekulieren, sonder vielmehr, dass Banken dies ohne Kapital tun koennen, und dass unglaubliche Hebel angesetzt werden, die Normalanleger sich nie ertraeumen koennten (und die reelle Buchpruefungen nicht ueberstehen wuerden).

  • hat das Fernsehen die Leute inzwischen so verblädet, daß sie alles glauben? Wenn ich bei einem Pferderennen auf den Sieg eines Pferdes wette, wird das dann schneller laufen? Wird ein Pferd verlieren, WEIL ich gegen dessen Sieg gewettet habe?

  • Ein wesentlicher Aspekt der gestiegenen Nahrungsmittelpreise wird hier nicht erwähnt: Die Nachfrage für "Energiepflanzen"!
    Das ist das eigentlich perverse: Nahrungsmittel werden in industriellen Anlagen zu "Biosprit" verarbeitet und die letzten Reste Urwald für Palmölplantagen gerodet, alles bezahlt von unseren Steuern. Aber dies ist ja angeblich alles grün und sauber, dagegen kann ein ehemaliger Greenpeace-Chef ja nichts haben.

  • Ist doch aus finanzellen Gründen ganz wichtig für eine NGO, (Foodwatch) sich des aktuellen Themas anzunehmen und sich wichtigtuerisch mit einem offenen Brief in die Diskussion einzubringen. Sicher verbessert das das Spendenaufkommen.

    Früher wurde die EU gescholten, wenn sie mit billigen (subventionierten) Lebensmitteln die Weltmarktpreise versauten und damit den Bauern in Entwicklungsländern die Existenzgrundlage raubte. Nachdem Energie so teuer geworden ist, dass sich die Umwandlung von Nahrungsmitteln in Biotreibstoffe rentiert und zu einem entsprechenden Anstieg der Nahrungsmittelpreise führte (siehe Sperrklinkeneffekt von Prof. Sinn im Vortrag "Tank oder Teller"), paßt das natürlich einem professionellen Jammerverein auch nicht.

  • Insbesondere absurd ist die Förderung von Biokraftstoffen mit Hinweis auf die EU Richtlinie - obwohl diese durch Ökostrom auch anders und viel effizienter zu erfüllen wäre. Wer es nachlesen mag EU RL 2009/28/EG Artikel 3 Absatz (4) insbes. c)ff.
    In den USA gehen 40% der Maisproduktion in Ethanol, in Europa über 50% des Rapsöls in Biodiesel.
    Zocken ist durch die Bindung der Argrarpreise an den Mineralölpreis so interssant. Die sog. Biokraftstoffquote ist die Verbindung. Ein perfekter Absatzmarkt - bis die Elektromobile kommen werden.
    Für den Personenkilometer mit Ökostrom aus Photovoltaik wird nur 2 - 4% der Biosprit Ackerfläche benötigt.

  • Jeder Spekuland braucht einen Partner, also einen der G
    gegenhält. Damit ist das ganze ein Nullsummenspiel, es gleicht sich aus.

  • Ich frage mich immer öfter, ob ich hier die "taz" lese oder das "Handelsblatt". Wäre ich Abonnent, würde ich über eine Kündigung nachdenken.

  • Auf welchem moralischem Niveau befindet sich eine Gesellschaft, in der auf der einen Seite Billionen von Geldmitteln täglich, teilweise spekulativ, verschoben werden, und auf der anderen Seite täglich 6.027 Kinder (WHI 2010) sterben? Was ist das für ein krankes, perverses und unhumanes System. Die biologische Art Mensch ist offensichtlich eine Fehlentwicklung.

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