Rohstoffe
„Harvey“ wirbelt Ölmärkte durcheinander

Nach Wirbelsturm „Harvey“ mussten in den USA riesige Raffinerien schließen. Durch ausbleibende Nachfrage wird so der Ölpreisverfall bekräftigt. Nun trifft der Hurrikan auf den nächsten Öl-Bundesstaat.
  • 0

Frankfurt/LondonSpekulationen auf Versorgungs-Engpässe in den USA infolge des Wirbelsturms „Harvey“ haben am Mittwoch die Benzinpreise hochgetrieben. Der US-Future stieg um 6,6 Prozent auf 1,90 Dollar je Gallone (3,8 Liter) und notierte damit so hoch wie zuletzt im Juli 2015. „Da die USA Benzin aus Europa importieren könnten, ziehen auch die Benzinpreise in Europa an“, erläuterten die Analysten der Commerzbank. Die Ölpreise gaben dagegen etwas nach, da die Nachfrage in den USA fiel. Denn mehr als ein Fünftel der amerikanischen Raffinerien können derzeit kein Öl mehr verarbeiten. So fielen die Preise für Nordseeöl und US-Leichtöl WTI jeweils um etwa ein Prozent.

In Port Arthur, das 135 Kilometer östlich der von der Hochwasserkatastrophe schwer getroffenen Großstadt Houston liegt, wurde die größte Raffinerie des Landes geschlossen. Die Anlage werde kontrolliert heruntergefahren, teilte der Betreiber von Motiva Enterprises mit. Dort werden normalerweise 603.000 Fässer Öl am Tag zu Benzin oder anderen Produkten verarbeitet. Auch der französische Ölkonzern Total musste wegen eines Stromausfalls seine Anlage – ebenfalls in Port Arthur – schließen, wie Insider sagten.

Der Ausfall an Raffinerie-Kapazitäten in den USA beläuft sich auf mehr als 4,2 Millionen Barrel täglich oder fast 23 Prozent der Gesamtmenge, wie aus Angaben von Unternehmen und Reuters-Schätzungen hervorgeht. In der Golfregion sind fast die Hälfte aller Raffinerien in den USA angesiedelt. „Das wird eine Weile dauern, ehe hier wieder Normalität einkehrt“, sagte Analyst Stephen Brennock vom Öl-Broker PVM. Die Branche stelle sich auf lange Auszeiten ein.

Der inzwischen zum Tropensturm erklärte „Harvey“ erreichte am Mittwoch auch den Nachbar-Bundesstaat Louisiana. Dort werden täglich 3,3 Millionen Barrel Öl verarbeitet – etwas weniger als im benachbarten Texas, wo eine Verarbeitungs-Kapazität von rund 5,6 Millionen Fässern angesiedelt ist. Das Sturmzentrum dürfte Meteorologen zufolge bis Donnerstag über das Mississippi-Tal hinwegziehen und sich zu einem tropischen Tiefdruckgebiet abschwächen.

Vor zwölf Jahren hatte Hurrikan „Katrina“ mit New Orleans die größte Stadt Louisianas heimgesucht. Damals verloren 1800 Menschen ihr Leben. In Texas kamen bei den Überschwemmungen bislang mindestens 17 ums Leben. Zehntausende mussten ihre Wohnungen und Häuser verlassen.

Auch „Katrina“ hatte 2005 die Märkte durcheinandergewirbelt. Mehr als 40 Prozent der US-Rohölproduktion im Golf von Mexiko waren seinerzeit ausgefallen. Europa und Kanada halfen vor zwölf Jahren den USA mit Benzin aus ihren Notreserven aus. Die Reaktion der Ölpreise fiel allerdings anders aus: Der Preis für US-Öl stieg auf den damaligen Rekordwert von über 70 Dollar.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Rohstoffe: „Harvey“ wirbelt Ölmärkte durcheinander"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%