Rohstoffe: Leichte Erholung nach schwerem Rückschlag
Opec-Bericht belastet Ölpreis

Der Ölpreis ist im Aufwärtstrend: Seit den Tiefständen von unter 33 Dollar im Januar ist er um mehr als 80 Prozent gestiegen und hat nun kurz die 60-Dollar-Marke überschritten. Doch eine Warnung des Ölkartells Opec drückte ihn am Mittwoch wieder unter das Halbjahreshoch.

LONDON. Der jüngste Preisanstieg sei durch Fundamentaldaten nicht gerechtfertigt, warnte die Opec. Sie wird in drei Wochen über eine weitere Kürzung ihrer Produktion beraten. Analysten führen den Aufwärtstrend auch darauf zurück, dass Investoren auf eine Wende in der Weltwirtschaft hoffen. Manche Analysten erwarten eine baldige Korrektur.

Der Ölpreis hatte im vergangenen Sommer einen Rekordstand erreicht. Im Juli 2008 stieg er auf 147 Dollar je Barrel (159 Liter). Als in Folge der Finanzkrise große Ölverbraucherstaaten in die Rezession abrutschten, ging der Preis in den freien Fall über. Die Opec reagierte mit einer Serie von Produktionskürzungen. Die Mitglieder der Gruppe fördern rund ein Drittel des weltweit verbrauchten Öls und verfügen als einzige Produzenten über große freie Kapazitäten. Seit September reduzierten sie den Ausstoß um 4,2 Mio. Barrel am Tag. Das entspricht etwa fünf Prozent des Weltverbrauchs.

Zuletzt ließ jedoch die Disziplin nach, wie der am Mittwoch veröffentlichte Opec-Monatsbericht zeigt. Die Monatsproduktion des Kartells stieg, ohne den Irak, um 220 000 Barrel auf 25,81 Mio. Barrel am Tag. Das weist darauf hin, dass die steigenden Ölpreise einzelne Mitglieder zu Verstößen gegen die Kartellabsprache verführten.

Dass der Ölpreis über 50 Dollar liege, sei mehr auf die Stimmung zurückzuführen als auf Fundamentaldaten, warnen die Opec-Ökonomen. Es gebe nach wie vor ein überschüssiges Angebot. Sie senkten ihre Schätzung für die Ölnachfrage im laufenden Jahr um 200 000 auf 84,03 Mio. Barrel am Tag. Die Internationale Energieagentur (IEA) als Vertreterin der Importeure rechnet sogar nur mit 83,4 Mio. Barrel am Tag. Ihr Direktor Nobuo Tanaka sagte am Mittwoch, dass er die Nachfrageschätzung diesen Monat nicht bedeutend verändern werde.

Öl-Stratege Adam Sieminski von der Deutschen Bank sagte, die Opec müsse ihre Produktion weiter drosseln. Sie werde es jedoch vermutlich nicht tun, solange der Preistrend nach oben anhalte. Neben den Konjunkturhoffnungen trieben derzeit ein wachsender Fluss von Fondsmitteln in die Rohstoffmärkte und eine höhere Auslastung der Raffinerien in den USA den Ölpreis. Eine Korrektur auf 50 Dollar sei absehbar. Auch Eugen Weinberg von der Commerzbank rechnet mit einer Korrektur des Preises. Ein kurzzeitiger Anstieg über 60 Dollar sei aber nicht auszuschließen.

Paul Horsnell von Barclays Capital kann sich allerdings noch im dritten Quartal einen Vormarsch in den von Opec-Führern inoffiziell angestrebten Bereich von 70 bis 80 Dollar vorstellen. „Dieses Mal erwarten wir aber, dass er dort an eine etwas härtere und überzeugendere Decke stößt als letztes Jahr“, sagt er. Die spektakulären Prognosen einzelner Analysten führten hoffentlich nicht noch einmal zu einem Überschießen der Preise wie im Vorjahr. Ganz ausschließen mag er das aber nicht: Die freie Kapazität der Ölproduzenten sei noch immer nicht so groß, dass sie eine plötzliche anziehende Nachfrage leicht auffangen könnte.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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