Rohstoffwährungen im Abschwung
Sturzflug ihres Dollars schockt die Australier

Mehr als ein Drittel hat der australische Dollar gegenüber seinem US-Pendant seit Juli an Wert verloren. Überraschen kann das nicht: Ist der "Aussie" doch eine Rohstoffwährung par excellence. Der australischen Wirtschaft kommt der Kursverfall womöglich sogar gelegen.

SYDNEY. Noch vor ein paar Wochen war er ganz groß, der kleine "Aussie". Anfang des Jahres hatten einige Auguren gar prognostiziert, der australische Dollar werde bald die Parität mit dem US-Dollar erreichen. Doch die Angst vor einer globalen Rezession holte den Australier auf spektakuläre Art und Weise vom hohen Sockel: Seit einem Hoch bei 98,3 US-Cents am 15. Juli taumelte die Währung in bis vorletzte Woche bis auf 60 Cents. Ein Rekordabsturz: sogar die Krone, Währung des gegenwärtig eher glücklosen Island, ist auf den Finanzmärkten derzeit mehr gefragt als der "Aussie".

Auch wenn sich die australische Währung seither wieder ein wenig erholt hat: der Dollar ist auf dem Boden der Realität gelandet - und in Australien zeigen sich nicht wenige Marktbeobachter verblüfft, ja schockiert. "Es ist eigenartig. Bizarr sogar", meint Chris Caton, Chefökonom von BT Financial Group. "Es gibt eigentlich keinen Grund für unsere Währung, so tief zu sinken".

Nach Jahren einer historisch starken Ressourcenhausse scheinen viele Beobachter allerdings einen simplen Zusammenhang verdrängt zu haben: Geht in den Vereinigten Staaten die Nachfrage nach Kühlschränken und Waschmaschinen zurück, bricht in China die Nachfrage nach australischem Eisenerz ein; ebenso die nach Kupfer, nach Kohle. Und die Preise fallen in den Keller. Dass bei einem solchen Szenario die Flucht aus dem "Aussie" beginnt, muss eigentlich nicht erstaunen: China ist der bei weitem wichtigste einzelne Abnehmer australischer Rohstoffe. Und der australische Dollar gilt als die Rohstoffwährung par excellence.

Die meisten Analysten hatten sich bis vor ein paar Tagen noch an die Hoffnung geklammert, anhaltend starker Binnenkonsum in China werde den drastischen Rückgang bei den Exporten wettmachen können. Doch dann machte ausgerechnet der größte China-Optimist unter den Rohstoffproduzenten die Träume zunichte. Nach Monaten der Schönrederei gestand Rio-Tinto-Chef Tom Albanese endlich ein, das Wachstum sei auch in diesem entscheidenden Absatzmarkt dramatisch zurückgegangen.

Jedoch sind es nicht nur Rezessionsängste, fallende Rohstoffpreise und ein Rückgang des Wachstums in China, die auf den Aussie drücken. "Die jüngste gestiegene Nachfrage nach der amerikanischen Währung kann unserem Dollar nur schaden", beschreibt ein Analyst. Fast alle Kommentatoren sind in diesen Tagen der Meinung, der Aussie-Dollar werde wohl noch lange Zeit am unteren Ende des Spektrums pendeln. Erst wenn sich die globale Wirtschaft wieder erhole, könne man mit einer erneuten Stärkung des australischen Dollar rechnen, meint Richard Grace von Commonwealth Bank. Er hofft, dass dies im zweiten Quartal 2009 der Fall sein werde. David Hale, ein amerikanischer Ökonom mit guten Kenntnissen der Situation in Australien ist weniger optimistisch. Er glaubt, dass der Dollar erst 2010 oder gar erst 2011 wieder auf den alten Höhen fliegen wird.

Überall ist man in Australien darüber allerdings nicht unglücklich. Nach Meinung von Craig James von Commsec könnte sich der Fall der Währung als "Segen für die sich abschwächende Binnenwirtschaft Australiens erweisen", da ein billigerer "Aussie" die Exporte stärke. Er meint, ein schwächerer australischer Dollar könne die Volkswirtschaft heute genauso vor den schmerzhaftesten Folgen der globalen Finanzkrise schützen, wie er es während der so genannten "Asienkrise" 1997 getan hatte.

Urs Wälterlin
Urs Wälterlin
Handelsblatt / Korrespondent
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