Rubel feiert sein Comeback
Im Reich des Petro-Rubels

Die russische Währung steigt und steigt. In den letzten fünf Jahren hat der Rubel zum Dollar ein Plus von 20 Prozent gemacht. Doch was die Bürger freut, bereitet Experten Sorgen. Das Schreckgespenst der Holländischen Krankheit geht um.

MOSKAU. Ein kleines gelbes Schild an der Stahltür, daneben eine Klingel mit Videoüberwachung: eine Moskauer Hinterhof-Wechselstube, wie so viele. Natascha Rodion sitzt hinter der gepanzerten Scheibe an der Kasse und hantiert mit Bündeln Bares. „Die Russen haben viel Geld“, lacht sie, vor allem viele Dollar. Die tauschen sie derzeit besonders fleißig – in Euro und immer mehr auch in Rubel, weiß die blonde Enddreißigerin. Seit acht Jahren ist sie schon bei der Finansowij Standard Bank, der die Wechselstube gehört. So viel Geld, wie ihre Mitbürger in den vergangenen zwei Jahren umgesetzt haben – das hat sie noch nicht erlebt.

Kein Wunder, denn der Rubel steigt und steigt. Allein in der vergangenen Woche erlaubte die russische Notenbank, dass die heimische Währung zum Devisenkorb von Dollar und Euro an einem Tag um 0,5 Prozent zulegte. Seit den letzten fünf Jahren hat der Rubel zum Dollar ein Plus von 20 Prozent gemacht. Die Duma hat inzwischen den Geschäften verboten, Preisschilder in Rubel und „U.E.“ – einer „fremden Währungseinheit“ – in die Schaufenster zu stellen. Nicht jeder hält sich daran – doch die doppelpreisigen Speisekarten, die nie ganz offenlegen, auf welchem Kurs sich die Angaben in „U.E.“ errechnen, verschwinden zunehmend.

Während noch vor fünf Jahren selbst kleine Dienstleistungen entweder in Naturalien (Cognac) oder noch besser in Dollar zu begleichen waren, feiert heute der Rubel sein Comeback im russischen Alltag. Es ist ein gefährliches Comeback. Denn hinter allem Rubel-Jubel lauert ein Schreckgespenst: die „Holländische Krankheit.“

Seit der Rubel anno 1704 offizielles Zahlungsmittel in Russland wurde, hat er eine Reihe von heftigen Krisen durchgemacht – besonders in den vergangenen 15 Jahren: wilde Umtauschaktionen, Hyperinflation und Russlandkrise, da wollte er so gar nicht rollen. Die Regierung Putin, die ihre Petrodollar bisher vor allem klug genutzt hat, um Auslandsschulden zu tilgen, will den Rubel am liebsten in die Reihe der großen Weltwährungen einreihen. Dazu muss er stabil sein, nicht zu stark, nicht zu schwach. Ein schwieriger Balanceakt, denn der Dollar-Segen aus dem Rohstoffgeschäft kann schnell zu einem Fluch werden, der den Rubel wieder beutelt.

Draußen vor der Wechselstube steht Tanja Maximowa: Die 58-Jährige hat das Auf und Nieder noch gut im Gedächtnis. Als sie zu Sowjetzeiten Wissenschaftlerin in einem Moskauer Institut war, hat sie für einen Dollar noch zwei Rubel bekommen. Das Ende des Arbeiter-und-Bauern-Imperiums machte sie zur Haushaltshilfe, sie erhielt ihren kleinen Lohn in Dollar. Heute bekommt sie Rubel. Das mache vieles einfacher: Das tägliche Schielen auf die Wechselkurse fällt weg. Dollar und Euro wechselt sie vor allem noch für den Urlaub oder die Kinder, die ins Ausland wollen.

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