Rubel-Schwäche
Von Kunden zu Geprügelten

Russische Kreditnehmer protestieren in einer Moskauer Raiffeisenbank. Wie viele Russen können sie ihre Dollar-Kredite wegen des schwachen Rubel-Kurses nicht mehr zahlen. Es droht der Existenzverlust. Ein Ortsbesuch.
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MoskauAleksander Aleksandrow ist ein Mann mit einer Mission. Und auf die hat er sich vorbereitet. Er trägt einen lila Rucksack auf dem Rücken. Isomatte, Schlafsack, Proviant – was er braucht, hat er dabei. „Seit Neustem führe ich ein Vagabundenleben“, erklärt er. Doch das führt ihn nicht etwa in die Weiten der Tundra sondern geradewegs in die Raiffeisen Bank-Filiale am Smolenskaja-Sennaja-Platz im Zentrum von Moskau. Kunden beäugen ihn misstrauisch, als er auf die beige Ledercouch vor der Bedienungstheke zusteuert. Mitarbeiter schauen genervt – noch so ein Querulant.

Seit Montag protestieren Kreditnehmer der Raiffeisen Bank – die russische Tochter der Raiffeisen Zentralbank Österreich (RBZ) – in der Smolenskaja-Sennaja-Filiale. Aleksandrow ist einer von ursprünglich knapp 20 Menschen, die in den Hallen der Bank kampierten. In der Empfangshalle warten sie darauf, dass sich die Leitung der Bank mit ihnen spricht.

Sie dringen auf Erleichterungen ihrer Fremdwährungskredite, die sie vor Jahren aufnahmen und heute aufgrund des schwachen Rubel-Kurses kaum mehr abzahlen können. Beliebt waren die Finanzinstrumente wegen der niedrigeren Zinsen als für Rubel-Kredite. Doch das war, bevor Russland die Krim annektierte, bevor der Westen Wirtschaftssanktionen verhängte, bevor der Rubel-Kurs abstürzte. Damals schien vielen das Währungsrisiko gering: Rund 23 Rubel kostete ein Dollar Mitte 2008. Heute sind es knapp 62 Rubel pro Dollar.

Die Protestierenden wollen Dollar-Fremdwährungskredite, die sie vor Jahren aufgenommen haben, in Rubel-Kredite umwandeln – zum Kurs von 40 Rubel pro Dollar. So viel kostete der Greenback im Sommer 2014 vor der Krim-Annexion. Doch die Bank lasse sich nicht darauf ein und bestehe auf ihre Ansprüche, beklagen die Protestierenden. Nun sollen Gerichte entscheiden.

Das Drama hat eine Vorgeschichte. Sie beginnt in den Jahren vor der Finanzkrise ab 2008 als das Öl teuer und der Rubel stabil war. Damals galten Fremdwährungskredite als ein beliebtes Mittel der Immobilienfinanzierung nicht nur in Russland, sondern auch in Polen, Tschechien und Österreich. Allein die russische Raiffeisenbank-Tochter – seit 1996 in dem Land präsent – hat knapp 2.000 von ihnen vergeben. Landesweit beläuft sich die Zahl der russischen Fremdwährungskreditnehmer auf mehr als 100.000 Menschen, schätzt die 2014 gegründete „Russlandweite Bewegung von Fremdwährungskreditnehmer“.

Aleksandrow ist kein Rebell. Im St. Petersburger Vorort, von wo er nach Moskau angereist ist, warten seine Frau und drei Kinder auf ihn. Außerdem warten auf Aleksandrow: eine 50-Quadratmeter-Wohnung, deren Hypothek fast sein gesamtes Gehalts frisst, sowie ein Gerichtsverfahren, das wahrscheinlich mit Pfändung der Wohnung enden wird. Um das zu verhindern, ist der Mann hier. „Ich habe keine Wahl, ich muss kämpfen“, sagt er und schluckt.

„Alle – Politiker, Beamte, Prominente – alle sagten, der Rubel sei stabil“, erinnert sich Aleksandrow. „Später hieß es dann, eigene Entscheidung, eigenes Risiko!“ Er selbst wollte dennoch zunächst einen Rubel-Kredit, die Wette auf die Währung war ihm nicht geheuer. „Das Problem war bloß: Für einen Rubelkredit war mein Einkommen zu klein“, sagt Aleksandrow. Mehr als 50 Prozent davon hätte er dann dafür aufwenden müssen – zu viel nach den Kreditrichtlinien der Bank. Bei einem Dollar-Kredit blieb er Dank der etwas niedrigeren Zinsen drunter. Und so endete er mit einem Fremdwährungskredit in Höhe von 104.000 Dollar (umgerechnet 2,6 Millionen Rubel) zu einem jährlichen Zinssatz von 9,9 Prozent. Seine Wohnung war damals knapp drei Millionen Rubel wert. Heute hat sie sich zwar auf knapp vier Millionen Rubel verteuert. Allein: Aleksandrows Schulden sind aufgrund des gestiegenen Wechselkurses auf sechs Millionen Rubel angestiegen.

Mit ähnlichen Problemen haben viele Russen zu kämpfen. Doch der Kampf ist kein leichter. Von den ursprünglich 20 Protestierenden in der Raiffeisen-Filiale ist am Samstag nur eine Handvoll übrig geblieben. Grund ist ein Einschreiten der Polizei. Die Ordnungshüter rückten am Freitag an, nahmen elf Menschen fest und ließen sie erst in der Nacht wieder frei. Einen Mann haben sie gewaltsam aus der Halle getragen. Protestierende sagen, die Beamten hätten auf ihn eigeschlagen – so heftig, dass ein Krankenwagen kommen musste. Bank-Mitarbeiter hatten ihrerseits Mitarbeiter Zugänge zu den eigentlich öffentlichen Toiletten der Bank versperrt, sodass die Demonstranten auf orangene Plastikeimer ausweichen mussten. Zeitweise ging es nicht mehr nur um Anleger-, sondern auch um Grundrechte.

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Schlechte Aussichten vor Gericht

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