Sechs Fragen an: Dieter Rentsch
"Das Risiko liegt in der Untätigkeit"

Dieter Rentsch ist Geschäftsführer der Aquila Capital in Hamburg. Im Interview spricht er über die Zukunft der Agrarrohstoffe.

Handelsblatt: Die Preise für Energie und Metalle sind stark gestiegen - die Preise der Agrarrohstoffe nicht. Wo liegen die Gründe?

Dieter Rentsch: In China und Indien durchlaufen 2,3 Mrd. Menschen im Zeitraffertempo von 40 bis 50 Jahren die Epoche der Industrialisierung, die in Westeuropa noch rund 150 Jahre beansprucht hatte. Dabei geht es zuerst um den Aufbau der rohstoffintensiven "Kiloindustrien", bei dem der Lebensmittelverbrauch der Menschen zunächst gleich bleibt. Mit zeitlicher Verzögerung steigen durch wachsenden Wohlstand und zunehmende Verstädterung die Bedürfnisse und bringen einen Nachfrageschub bei höherwertigen Agrargütern. Überlagert wird dies durch die weiter wachsende Weltbevölkerung, die nach UN-Schätzungen erst im Jahr 2100 bei rund zehn Mrd. Menschen ihr Maximum erreicht. Zugleich wird sich in den kommenden Jahren eine Trinkwasserknappheit einstellen, die die wasseraufwendige Intensivlandwirtschaft herausfordert.

Was treibt die Agrarpreise?

Ein Treiber ist die Nachfrage nach höherwertigen Lebensmitteln. Ein Kilo Fleisch verbraucht in der Aufbauphase 30 Kilo Mastfutter und 20 000 Liter Wasser. Hinzu kommt die Verwendung klassischer Agrarrohstoffe als Bioenergie.

Welche Agrarrohstoffe empfehlen Sie?

Zur Zeit vor allem Ölsubstitute wie Zucker, Palmöl, Mais und Sonnenblumen. Wir erwarten wegen struktureller Engpässe einen weiteren, nachhaltigen Anstieg der Ölpreise.

Wo liegen bei Agrarrohstoffen die Chancen für Anleger?

Die klassische Anlageform sind Futures oder Zertifikate auf Rohstoffe oder Indizes. Interessant sind z.B. Zertifikate auf den Jim Rogers Agricultural Index, in dem Agrarrohstoffe ein hohes Gewicht aufweisen. Eine andere Möglichkeit bieten Aktien von Unternehmen, die mit Anbau und Vermarktung von Agrarrohstoffen einen bedeutenden Anteil des Gewinns erzielen. Gerade aus dem Bereich des Zuckeranbaus gibt es relativ viele Aktien vor allem aus den Hauptanbaugebieten Brasilien, Indien oder Australien - aber auch europäische Werte, die sich zunehmend in diese Regionen orientieren. Beispiele sind Südzucker aus Deutschland, die Agrana AG aus Österreich oder Syngenta aus der Schweiz, die Spezialist für Pflanzenschutz sind.

In welcher Form können Agrarrohstoffe als Alternativ-Investment einbezogen werden?

Agrarrohstoffe aus dem Lebensmittelbereich haben keine nennenswerte Korrelation zu klassischen Anlageformen Aktien und Renten, da sie anderen Werttreibern unterliegen. Daher zählen Sie qua definitione zu den Alternativen Investments. Bei US-Stiftungen machen sie bis zu 20 Prozent der Gesamtvermögensaufteilung aus. Da sie zudem vom Megatrend der allgemeinen Rohstoffverknappung profitieren, sollte ihr Anteil auch bei Privatanlegern aufgebaut werden.

Wo liegen die Risiken?

Das Risiko liegt eindeutig darin, diese alternativen Anlageklassen - also auch Agrarrohstoffe - nicht zu berücksichtigen.

Die Fragen stellte Udo Rettberg.

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