Sechs Fragen an: Michael Lewis
„Risiken werden bisher nicht beachtet“

Die Auswirkungen der Vogelgrippe verängstigt nicht nur die Verbraucher. Michael Lewis, Leiter der Rohstoff-Research der Deutschen Bank, sprach mit dem Handelsblatt über die Furcht der Metall- und Energiemärkte.

Handelsblatt: Wie hoch stufen Sie das Risiko einer Vogelgrippe-Pandemie ein?

Lewis: Nicht sehr hoch. Doch selbst eine Ausbreitung der Krankheit würde in der Weltwirtschaft Verwerfungen zur Folge haben. So hatte die vor allem auf Asien konzentrierte Sars-Epidemie vor wenigen Jahren schwerwiegende Auswirkungen auf die Volkswirtschaft dieser Region, selbst wenn sie dort „nur“ 775 Todesopfer forderte.

China büßte ein Prozent an Wirtschaftsleistung (BIP) ein, Hongkong gar 2,6 Prozent und die Region Ostasien im zweiten Quartal 2003 etwa zwei Prozent. Die Menschen blieben zu Hause, verloren das Vertrauen und schränkten den Konsum ein, sie vermieden zudem das Reisen. Sars könnte damit auch als Mini-Fallstudie für eine Vogelgrippe-Epidemie dienen.

Was wären die direkten Folgen einer Epidemie ?

Eine pandemieähnliche Situation würde schwerwiegende Auswirkungen auf die Metall- und Energiemärkte haben. Man muss dabei zwischen den unmittelbaren und den mittelfristigen Folgen unterscheiden. Unmittelbar wäre zum Beispiel die Reisetätigkeit betroffen, die Luftfahrt. Deren weltweiter Ölbedarf in Form von Kerosin könnte sich etwa halbieren, der Ölpreis um mindestens 20 bis 25 Dollar je Barrel (159 Liter) abstürzen.

Welche Folgen sind mittelfristig vorstellbar?

Bei den Metallen wären die Auswirkungen eher indirekt. Die Nachfrage und damit die Preise würden unter den Druck von Wachstumsverlusten in der Weltwirtschaft geraten. Auf der anderen Seite würden regionale Lieferausfälle wiederum Preisausbrüche nach oben auslösen. Die Rohstoffmärkte tun sich aber noch schwer, diesen Risiken Rechnung zu tragen.

Sehen die Märkte die Risiken denn schon?

Kaum. Nicht einmal bei den Agrarrohstoffen. Bei Weizen, Mais und einer Reihe anderer Rohstoffen dominieren vielmehr die Sorgen über mögliche Verknappungen durch wetterbedingte Ernteausfälle wie Dürre in den USA, Indien und anderswo. Das sich für 2006 abzeichnende Wetterphänomen La Nina lässt nun auch Argentinien eine Dürre befürchten. Unter den zehn führenden Rohstoffen mit den größten Preissteigerungen in den letzten drei Monaten befinden sich immerhin sechs oder sieben Agrarprodukte, allen voran Zucker und Weizen.

Können wir die Gefahr der Vogelgrippe für die Rohstoffmärkte damit ignorieren?

Nein, grundsätzlich ist es schon besorgniserregend, dass ausgerechnet die Wachstumsmotoren der Welt wie die Volksrepublik China und Indien wegen ihres Entwicklungsstandes und ihrer schwachen Gesundheitssysteme und -standards am unmittelbarsten von dieser Krankheit bedroht sind.

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