Soja-Erzeuger Brasilien
Die Fährte der Chicken-Nuggets

Um den stetig steigenden Sojabedarf zu stillen, wird im Land des weltweit größten Sojaerzeugers Brasilien Regenwald abgebrannt, um Platz für den Anbau zu schaffen. Nun feiern Umweltschützer einen Teilerfolg: Die brasilianischen Soja-Produzenten reagieren - auf den Druck des Marktes.

SAO PAULO. Auf den Landstraßen haben schwer beladene Lastwagen tiefe Spurrillen eingegraben. Rechts und links der wenigen Trassen erstrecken sich die kniehohen grünen Sojafelder, die auch am hitzeflimmernden Horizont nicht enden. Außer am Steuer der Trucks oder eines der Flugzeuge, das Insektizide versprüht, sind über Hunderte von Kilometern kaum Menschen zu sehen. An die wenigen, schachbrettartig angelegten Siedlungen reihen sich riesige Silos der internationalen Getreidehändler die Hauptstraße entlang. Dazwischen liegen Filialen der Agrochemiefirmen mit schicken Ausstellungsräumen für Landgeräte. Slums, wie sonst in Brasilien überall, gibt es hier kaum. Wer will, findet eine Arbeit – erzählt einem jeder stolz in dieser Pionierregion.

Es ist Brasiliens Wilder Westen. Der Vergleich hinkt nicht: Streits mit Indios über Landrechte gehören zur Tagesordnung. Dann ist die Piste wieder mal ein paar Tage durch einen Sitzstreik gesperrt, und der Gouverneur muss danach die Friedenspfeife mit dem Häuptling rauchen. Und ähnlich wie in den USA vor vielen Generationen findet auch hier in der Trockensavanne ein Raubbau an der Natur statt.

Dieser Meinung sind Umweltschützer: Sie halten die brasilianische Sojabranche für einen der wichtigsten Zerstörer des Regenwalds. Denn nördlich des Bundesstaates Mato Grosso – was übersetzt dichter Wald heißt – schließt sich der Regenwald des Amazonas an. Organisationen wie Greenpeace werfen den Farmern vor, Regenwald abzubrennen, um Soja anzubauen. Den Traktoren, Saat- und Dreschmaschinen der Farmer folgen auf neu gebauten Straßen bald Siedler in den Dschungel. Und Handelskonzerne wie ADM, Bunge oder Cargill, die von den USA aus den Sojamarkt weltweit unter sich aufteilen, scherten sich nicht um den Regenwald, klagen die Umweltschützer. „Die Sojafarmer sind wie eine Krankheit, die sich überall ausbreitet“, schimpft Regenwaldspezialist Eduardo Quartim von Greenpeace.

Sojafarmer und Umweltschützern beharken sich schon seit Jahren – bisher weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Doch eine Pressekonferenz Ende Juli in São Paulo ändert das schlagartig. Spitzenvertreter der brasilianischen Sojabranche – die Verbände der Pflanzenölverarbeiter (Abiove) und der Getreideexporteure (Anec) – verkünden fast so leise, als sollte es keiner merken, einen überraschenden Entschluss: Ab sofort wollen brasilianische Soja-Produzenten und –exporteure kein Soja mehr handeln, das auf gerodeten Amazonasflächen gepflanzt worden ist. Ebenfalls wollen die Zulieferer garantieren, dass sie keine Arbeiter wie Sklaven halten. Diese freiwillige Selbstverpflichtung soll zunächst für zwei Jahre gelten und kann verlängert werden.

Verbandsvertreter, denen sonst bei Worten wie „Nachhaltigkeit“ oder „Amazonasschutz“ der Blutdruck steigt, stellen den Entschluss als Selbstverständlichkeit hin: „Der Markt verlangt heute nicht mehr nur den besten Preis, sondern will auch ökologische und soziale Nachhaltigkeit“, erklärt etwa Carlo Lovatelli von Abiove den Zuhörern geduldig. Die großen Unternehmen hielten schon länger die Umweltbedingungen ein, sagt er weiter. Es gehe jetzt darum, die kleinen Farmer auf Linie zu bringen.

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