Spekulationsobjekt
Wette gegen den Franken

Spekulanten bringen den Kurs der Schweizer Währung unter Druck und machen den Schweizer Franken mehr und mehr zum Spekulationsobjekt. Die Zinsen liegen derzeit deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt. Eine Erholung zeichnet sich bislang noch nicht ab.

ZÜRICH. Der Schweizer Franken wird wegen seines niedrigen Kurses im Vergleich zum Euro und Dollar mehr und mehr zum Spekulationsobjekt. Der Grund sind die niedrigen Zinsen, die in der Schweiz derzeit deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt liegen. Gegenüber Neuseeland beträgt die Differenz beispielsweise fünf Prozentpunkte, instabilere Märkte wie etwa die Türkei zahlen sogar Zinsen, die knapp 16 Prozentpunkte höher als in der Schweiz liegen.

Die Differenz zwischen Niedrigzinsländern und solchen mit hohen Zinsen nutzen Händler zu so genannten Carry Trades. Sie leihen sich dabei Geld in der Schweiz oder etwa in Japan, wo die Zinsen ebenfalls auf historischen Tiefstständen verharren, und legen es in Wertpapieren an, die in Hochzinsländern notiert sind. Einen Anhaltspunkt für diesen Trend bieten die Daten, die das Chicago Board of Trade regelmäßig veröffentlicht. Danach hat sich in den vergangenen Wochen die Zahl der Einzelwetten auf einen sinkenden Franken mehr als verdoppelt. Der Wert der Kontrakte dürfte inzwischen rund acht Mrd. Dollar betragen.

Dass sich der Trend gegen den „Swissie“, wie Händler die Schweizer Währung nennen, so schnell ändert, ist nach Einschätzung von Experten nicht abzusehen. So gehen etwa die Devisenstrategen der Schweizer Großbank Credit Suisse davon aus, dass die Zinsdifferenz zwischen der Euro-Zone und der Schweiz erhalten bleibt. Europäische Zentralbank und Schweizer Nationalbank werden nach ihrem Szenario in diesem Jahr beide die Zinsen noch einmal um 25 Basispunkte erhöhen, in der Schweiz dürfte dann im Frühjahr ein weiterer solcher Schritt anstehen. Auf die nächsten drei Monate gesehen wird dennoch nach Einschätzung von Marcus Hettinger von der Credit Suisse der Franken weiter leicht gegenüber dem Euro nachgeben.

Carry Trades dürften damit weiter auf der Tagesordnung stehen. Ein Risiko für diese Geschäfte sieht Hettinger deswegen in den nächsten Monaten nur von der geldpolitischen Seite. Er verweist auf Aussagen des Schweizer Finanzministers Hans-Rudolf Merz, der sich jüngst gegen eine weitere Schwächung des Frankens wandte. Ob die Nationalbank ihm angesichts einer tiefen Inflationsrate allerdings folgt, ist eher ungewiss.

Nach Angaben der englischen Notenbank hat die Politik der Schweizer Zentralbank inzwischen dazu geführt, dass der Franken gegenüber 13 den weltweit 16 Währungen, in denen die meisten Devisengeschäfte abgewickelt werden, gesunken ist. Für die Schweizer Wirtschaft, die wie kaum eine andere in Europa auf den Export angewiesen ist, bedeutet der niedrige Franken-Kurs einen Wettbewerbsvorteil, weil er die Produkte im Ausland verbilligt.

Mit dem „fairen Wert“ des Frankens hat das dann aber weniger zu tun. Er liegt nach Berechnungen der Credit Suisse bei 1,50 Franken für einen Euro, die Devisenstrategen haben dabei Kaufkraftparitäten und Leistungsbilanz-Positionen einberechnet. Aktuell ist der Euro 1,5880 Franken wert. Je weiter sich der Swissie von diesem Wert entfernt, desto weniger taugt er für seine traditionelle Rolle als „sicherer Hafen“. Von dieser Vorstellung aber, so meint Hettinger, habe sich die Schweiz bereits seit den Terroranschlägen von 2001 verabschieden können. „Die Finanzmärkte haben sich ans Risiko gewöhnt“, meint Hettinger. Der Bedarf nach „Ankerwährungen“, sei gesunken. Entsprechend niedrig mit einem Wert von unter einem Prozent ist der Anteil der weltweiten Reserven, der in Franken angelegt ist.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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