Stärker als die Industrie investieren Privatanleger und Fonds
Bei Platin geben die Bullen keine Ruhe

Der Platinpreis hat gestern mit 712 Dollar je Feinunze im Nachmittagshandel sein 23-Jahreshoch erreicht. Zuletzt hatte sich das Edelmetall im März mit 708 Dollar der Marke genähert. Die Stromausfälle in den USA und die daraus abgeleitete Erwartung, dass Brennstoffzellen in Zukunft eine wachsende Rolle bei der Energieversorgung spielen werden, haben den Run auf das Edelmetall ausgelöst.

LONDON. Dazu kamen Meldungen über einen „anhaltenden Verarbeitungsstau“ in Südafrika. Die Kap-Republik deckt fast drei Viertel des Welt-Platinbedarfs aus ihren Minen. Russland fällt anders als bei Palladium eine geringere Rolle bei der Versorgung der Welt mit Platin zu.

Andy Williamson, Edelmetallexperte der Großbank HSBC, zeigt sich über den erneuten Höhenflug des „weißen Metalls“ überrascht. In seiner Prognose über den weiteren Preisverlauf sichert er sich daher nach beiden Seiten ab. „Die Fundamentaldaten des Marktes rechtfertigen zwar kaum einen weiteren Preisanstieg. Doch wenn die Fonds bei ihren Erwartungen bleiben, könnte der Preis ohne weiteres noch weiter steigen“. „In einer neuen Dimension“ sieht Wolfgang Wrzesniok- Roßbach von Dresdner Kleinwort Wasserstein den Markt, sollte der Preis die Marke von 710 Dollar durchbrechen. Auf der Käuferseite sieht er kaum noch Industrie, die sich eindecken, sondern vor allem Fonds und private Investoren. An der New Yorker Comex hätten die offenen Haussepositionen den höchsten Stand seit Februar 2000 erreicht. Und noch dächten die Spekulanten nicht daran, bei Preisen um 700 Dollar Gewinne mitzunehmen. Sie hofften auf mehr.

Ingrid Sternby von Barclays Capital in London hatte dagegen schon im Frühjahr die fundamentalen Faktoren für anhaltend hohe Preise bei dem Metall als äußerst günstig eingeschätzt. Allein schon das Abklingen der SARS-Epidemie in China verspreche weiteres Potenzial. China sei inzwischen zum größten Schmuckverarbeiter der Welt avanciert.

In seiner Analyse „Platinum 2003“ beschreibt denn auch das Londoner Edelmetallhaus Johnson Matthey die wachsende Rolle Chinas auf dem Platinmarkt: 2002 hätten die Schmuckverarbeiter ihre Platinkäufe um gar 14 % auf 1,48 Mill. Unzen gesteigert und damit wesentlich zu dem 24 %igen Preisanstieg des Edelmetalls auf 598 Dollar je Unze beigetragen. Inzwischen entfallen über 40 % des weltweiten Platinangebots auf die Schmuckverarbeitung. Und die Hälfte davon gehen in die Edelmetallschmieden Chinas. Andy Williams erwartet allerdings, dass die fast 50 %ige Verteuerung des Platins in den zurückliegenden zwei Jahren die Konsumenten letztlich abschrecken wird.

Doch auch Johnson Matthey begründet den Höhenflug des Edelmetalls mit einer Reihe fundamentaler Faktoren. So tue sich zwischen Produktion und Nachfrage eine wachsende Lücke auf. 2002 mussten fast 10 % der um 5 % auf 6,54 Mill. Unzen gestiegenen Nachfrage aus Beständen in der Schweiz und den strategischen Reserven der USA gedeckt werden. Diese seien inzwischen so gut wie aufgebraucht. Die Produktion war 2002 dagegen trotz aller Anstrengungen Südafrikas um nur 2 % auf 5,97 Mill. Unzen gestiegen.

Londoner Analysten glauben jedoch, erste Anzeichen dafür zu erkennen, dass die Automobilindustrie – sie nimmt etwa 40 % des weltweiten Platinangebots für die Verwendung in Katalysatoren auf – wieder einmal den verstärkten Einsatz des zurzeit billigeren Palladiums überprüft. Platin hatte bisher den Vorteil, dass es bei den Katalysatoren für Dieselmotoren als das „effizientere“ der beiden Metalle galt. Und noch 2002 erhöhte sich sein Einsatz in der Autobranche um 17 %.

Dadurch lassen sich die Spekulanten, die auf Palladium als den künftigen Renner setzen, kaum beirren. Sie haben ihre offenen Haussepositionen auf den höchsten Stand seit Februar 1997 katapultiert. Der Preis von derzeit knapp 200 Dollar je Unze liegt noch um etwa die Hälfte unter dem Niveau von Anfang 2002.

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