Stimmungswandel am Ölmarkt
Die 50-Dollar-Marke könnte bald geknackt werden

Der Ölpreis ist acht Tage in Folge gestiegen. Zwar verharrt er am Dienstag auf hohem Niveau, doch schon bald könnte es weiter aufwärts gehen – und Brent wieder mehr als 50 Dollar kosten.
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FrankfurtEine Rally, wie sie der Ölpreis in den vergangenen Tagen hinlegte, hat es seit fünf Jahren nicht gegeben. Acht Tage in Folge kletterte er immer weiter. Kostete ein Barrel der Nordseesorte Brent vor zwei Wochen noch 44 Dollar, sind es am heutigen Dienstag zwölf Prozent mehr. Ein Fass Brentöl schickt sich an, die 50-Dollar-Marke zu knacken. Der Trend lässt keinen Zweifel: Die zuletzt pessimistische Stimmung am Ölmarkt hat sich gedreht.

Bei der Organisation erdölexportierender Staaten – kurz Opec – und seinen zehn Alliierten der Förderkürzung dürfte das für Aufatmen sorgen. Erst Ende Mai hatten sie sich in Wien geeinigt, noch bis Ende März 2018 täglich 1,8 Millionen Fass Öl weniger zu fördern als im Oktober 2016. Trotz der Verlängerung rauschte der Preis in der Folge wochenlang in die Tiefe, ungeachtet der Durchhalteparolen der Förderallianz.

Dass sich nun eine Trendwende eingestellt hat, hängt maßgeblich mit den Schieferölförderern in den USA zusammen. Ihre Stärke in den vergangenen Monaten hat den Preis erst immer tiefer getrieben. Vergangene Woche hat das Ölservice-Unternehmen Baker Hughes dann erstmals seit 23 Wochen einen Rückgang der Ölbohrungen in den USA gemeldet. Mit einem Rücksetzer um zwei Bohrungen auf 756 war die Bewegung zwar nur marginal, wohl aber ausreichend, um den Markt zu kippen.

So desillusioniert die Marktteilnehmer nach der Verlängerung der Förderkürzung über Anzeichen hinwegsahen, die einen Abbau der hohen Lagervorräte vorhersagten und somit der Opec zumindest einen Teilerfolg attestierten, so euphorisiert schauen sie nun über Anzeichen eines anhaltenden Überangebots hinweg. So haben einer Reuters-Untersuchung zufolge die Opec-Staaten im Juni 32,7 Millionen Barrel Öl gefördert und damit 280.000 mehr als noch im Monat zuvor.

Auch die Experten von JBC Energy Markets in Wien attestieren eine gestiegene Förderung. Allein die beiden Opec-Staaten Libyen und Nigeria, die aufgrund politischer Instabilitäten in ihren Ländern von der Kürzung ausgenommen sind, haben zuletzt deutlich mehr Öl gepumpt. Im Vergleich zum Oktober 2016, dem in der Förderkürzung vereinbarten Vergleichsniveau, beträgt ihr Plus 600.000 Barrel pro Tag, kalkuliert JBC Energy Markets. Zwar setzen jene Mitglieder, die Einschränkungen versprochen haben, ihre Kürzungen noch immer zu 96 Prozent ein. Doch die Zuwächse von Nigeria und Libyen entsprechen der Hälfte der Menge, um die das Ölkartell kürzen möchte. Ein erheblicher Teil des Abkommens wird somit von Kartellmitgliedern selbst aufgewogen.

Zehn Nicht-Mitglieder haben sich dem Abkommen angeschlossen und verzichten ihrerseits auf 600.000 Fass pro Tag. Der mit Abstand wichtigste Vertreter dieser Gruppe ist Russland, das allein für die Hälfte dessen aufkommen will. Bislang funktioniert das weitestgehend. Doch JBC Energy Markets ist skeptisch, wie lang dies noch der Fall sein wird. Denn die betroffenen Unternehmen dürften die finanziellen Folgen der Kürzungen spüren. „Bislang haben sie ihren Teil der Versprechungen eingehalten. Doch wir zweifeln, ob sie dies noch ein weiteres Jahr durchhalten“, schreiben die Analysten aus Wien in einem Kommentar.

Und dann wären da immer noch die Schieferölproduzenten in den USA. Dass zuletzt die Zahl der Bohrungen marginal gefallen ist, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Nordamerikaner im Vergleich zu Oktober 2016 mit 9,3 Millionen Barrel pro Tag rund 800.000 Barrel mehr fördern.

Zumindest die Analysten der Commerzbank bleiben entgegen der Marktstimmung zurückhaltend: „Es ist noch zu früh, daraus eine Trendwende abzuleiten“, schreiben sie in einem Marktkommentar vom Montag. Der Analyst Jan Edelmann von der HSH Nordbank kommentiert: „Angesichts der Kursgewinne und des höchsten Opec-Förderniveaus in diesem Jahr, könnten einige Marktteilnehmer Gewinne mitnehmen und den Preis unter Druck setzen.“

Und doch könnte die 50-Dollar-Marke bei Brent bald schon wieder getestet werden. Nicht etwa, weil der russische Energieminister Alexander Nowak weiteres Preissteigerungspotenzial sieht – Äußerungen dieser Art aus dem Kürzungslager haben am Markt zuletzt nicht verfangen. Zweierlei Faktoren könnten dafür sprechen: Erstens sind die Wetten von Großinvestoren wie Hedgefonds auf steigende Preise in der vergangenen Woche auf das tiefste Niveau seit Januar 2016 gefallen. Das eröffnet wiederum die Möglichkeit, dass dieser Trend in die andere Richtung dreht – und den Preis weiter antreibt.

Zudem dürften einmal mehr Zahlen aus den USA die Preise anschieben. Am Donnerstag veröffentlicht die amerikanische Energiestatistikbehörde EIA ihren wöchentlichen Report zum Ölmarkt. Die Lagervorräte stehen zwar immer noch knapp 100 Millionen Barrel über dem Fünf-Jahres-Schnitt, dem anvisierten Ziel der Opec. Doch in den vergangenen Wochen sind sie kontinuierlich gesunken. Laut einer Umfrage von Bloomberg hielt der Trend wohl auch in der vergangen Woche: Die Bestände seien schätzungsweise um 2,5 Millionen Barrel zurückgegangen.

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