Ungebremste Nachfrage nach Ressourcen in China löst Wachstumsschub in der australischen Rohstoffindustrie aus
Australien gräbt fürs Reich der Mitte

Die wachsende Nachfrage der chinesischen Mittelschicht nach Konsumgütern sorgt für einen Boom in der australischen Bergbauindustrie. In fast allen Produkten, die im Reich der Mitte auf den markt kommen, befinden sich australische Rohstoffe.

SYDNEY. Es ist nicht einfach, mitten in der westaustralischen Wüste zu leben. Glühende Hitze am Tag, beißende Kälte in der Nacht, wenig Infrastruktur, Langeweile, Millionen von Fliegen. Trotzdem reisen hunderte Australier aus dem Osten des Landes in den einsamen Westen, um ihr Glück zu finden. Arbeit in einer der vielen Minen kann einem Mann – und immer häufiger einer Frau – in recht kurzer Zeit ziemlichen Wohlstand bringen. Die Zahl neuer Minenprojekte wächst laufend. Der Arbeitsmarkt aber ist so ausgetrocknet, dass selbst die einfachsten „Jobs“ mit Gehältern entlohnt werden, von denen man in anderen Branchen nur träumen kann.

Der Grund für den Boom in der australischen Bergbauindustrie liegt tausende Kilometer entfernt – in China. Dort lechzt eine rapide wachsende Mittelschicht nach Konsumgütern. Ob Waschmaschinen, Klimaanlagen oder Autos: Australische Rohstoffe finden sich in fast allen Produkten. Als einer der weltweit führenden Förderer von Basis- und Edelmetallen, von Kohle, Gas, Erdöl und Mineralsand kann Australien fast alle Stoffe anbieten, die China braucht.

Australien lebt zu einem wesentlichen Teil vom Export. Der Gesamtwert der ausgeführten Waren und Dienstleistungen lag im Jahr 2003 bei 120 Mrd. Dollar. Gingen früher fast alle Produkte ins ehemalige „Mutterland“ Großbritannien, sind heute die Vereinigten Staaten und die Länder Asiens die wichtigsten Abnehmer. Obwohl in den letzten Jahren der Verkauf von Dienstleistungen in der Handelsbilanz an Bedeutung gewonnen hat, ist die Ausfuhr von Rohstoffen nach wie vor eine der wichtigsten Quellen von Exporteinkommen.

Die rapide steigende Nachfrage hat in der Rohstoffindustrie einen seit Jahren nicht mehr gesehenen Wachstumsschub ausgelöst. Fanden sich als Folge der asiatischen Finanzkrise in den 90er-Jahren viele Rohstofflieferant in einer Senke, hauchte ihnen der China-Boom neues Leben ein. Nicht nur kleinere Firmen, sondern vor allem die Giganten der Industrie – BHP Billiton und Rio Tinto – investieren Milliarden Dollar in Projekte, um die Nachfrage befriedigen zu können. Rio Tinto baut derzeit für 290 Mill. US- Dollar ihre Eisenerzminen in der Wüste Westaustraliens aus.

Das Ziel ist klar: Ein Drittel der Eisenerzexporte der Welt geht derzeit nach China. Der Basisstoff für Stahl, aber auch die Kohle, mit der er geschmolzen wird, haben sich zu den Treibern der australischen Rohstoffindustrie entwickelt. Ein Teil des australischen Rohstoffs endet in Form von Baustahl in der Nähe von Schanghai, wo große Bauprojekte entstehen, darunter ein Sportstadion, eine Untergrundbahn und ein Bahnhof.

Obwohl die chinesische Regierung vor kurzem Maßnahmen angekündigt hat, um die Konjunktur etwas zu bremsen, ist laut Auskunft australischer Geschäftsleute wenig zu spüren von einer Abschwächung der Nachfrage. Das zeigen auch die chinesischen Handelsstatistiken: Im März sind die Nettoimporte von Kupferkonzentrat um 56 Prozent gestiegen, von Aluminium um 45 Prozent und von Eisenerz um 25 Prozent.

Dieser „Verkäufermarkt“ erlaubt es australischen Firmen wie BHP Billiton und Rio Tinto, die Preise weitgehend zu bestimmen. Vor kurzem meldeten sie, für Eisenerz Preiserhöhungen von 71,5 Prozent ausgehandelt zu haben. Doch die aggressiven Forderungen der Australier stoßen bei den chinesischen Abnehmern zunehmend auf Widerstand, sagen Marktbeobachter. China wolle von den Australiern weniger abhängig werden und suche nach anderen Lieferanten.

Eine Möglichkeit ist Indien, für China schon heute ein wichtiger Lieferant von Eisenerz. Doch wie die meisten anderen Anbieter leiden auch indische Firmen unter dem entscheidenden Wettbewerbsvorteil der großen Minen in Australien: Sie gelten als die kostengünstigsten Rohstoffproduzenten auf dem Globus.

Urs Wälterlin
Urs Wälterlin
Handelsblatt / Korrespondent
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