Unruhe an den Märkten: Explosion der Rohstoffpreise gefährdet den Aufschwung

Unruhe an den Märkten
Explosion der Rohstoffpreise gefährdet den Aufschwung

Weizen plus 40 Prozent, Kupfer plus 26 Prozent, Öl plus 20 Prozent: An den Märkten ist der Teufel los. Das billige Geld der Notenbanken treibt die Preise in die Höhe. Deutsche-Bank- Chef Ackermann und EZB-Präsident Trichet sorgen sich um die weltweite Konjunktur.
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Als Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy gestern Abend mit US-Präsident Barack Obama im Oval Office zusammentraf, stand ein Thema im Mittelpunkt, das noch vor kurzem kaum Beachtung gefunden hätte: die explodierenden Rohstoffpreise. Sarkozy warb als Vorsitzender der G20 dafür, die wilden Preisausschläge bei Rohstoffen mit einem weltweit abgestimmten Vorgehen zu bekämpfen - etwa über ein Verbot von Rohstoffgeschäften außerhalb der Börsen.

Es geht um konjunktursensible Rohstoffe wie Öl, Kupfer oder Seltene Erden, aber auch um Grundstoffe für Nahrungsmittel wie Weizen, Mais oder Zucker. Und es geht um drohende Hungerrevolten etwa in Indien oder Tunesien.

Öl wird nach Schätzung der US-Großbank Goldman Sachs in diesem Jahr die Marke von 105 Dollar überspringen. Derzeit kostet ein Barrel 90 Dollar. Noch dramatischer ist der Preisanstieg bei begehrten Industriemetallen wie Kupfer. Vor zwei Jahren kostete eine Tonne rund 3 000 Dollar. Inzwischen sind es mehr als 9 000 Dollar. Weizen verteuerte sich innerhalb eines Jahres um 40 Prozent, Kaffee um 62 Prozent, Soja um 30 Prozent. Notenbanker, Topmanager und Spitzenpolitiker treibt die Sorge um, dass die steigenden Rohstoffpreise die Weltwirtschaft abwürgen könnten - so wie im Sommer 2008, als Öl fast 150 Dollar je Fass kostete. Jean-Claude Trichet, der stets um Zurückhaltung bemühte Präsident der Europäischen Zentralbank, bezeichnete gestern den Anstieg der Lebensmittelpreise als "bedeutend". Dieser Trend sei besonders für die Verbraucherpreise in den Schwellenländern wichtig und könne zu einer Inflationsgefahr werden.

Auch der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zeigte sich gestern beim Jahresempfang seines Instituts in Berlin über "den Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise" besorgt. Seine Sorgen würden "durch das Bemühen vieler Staaten um einen exklusiven Zugang zu Rohstoffen" noch verstärkt.

Die Politik der US-Notenbank (Fed), der Wirtschaft beinahe unbegrenzt Geld zur Verfügung zu stellen, treibt nicht nur die Aktienmärkte in die Höhe, sondern auch die Rohstoffpreise. Der steile Anstieg des wichtigsten Rohstoff-Sammelindexes CRB Ende 2009 folgte dem ersten großen Liquiditätsprogramm der Fed, sagt Julian Callow, Chefvolkswirt der britischen Bank Barclays. Mit dem zweiten Fed-Programm in Höhe von 600 Milliarden Dollar Ende 2010 stieg der Index dann auf einen neuen Rekordstand. Weitere Höchststände werden folgen, da sind sich die Experten sicher. Die Geldschwemme treibt nicht mehr nur die Vermögenspreise, sie erfasst jetzt mit voller Wucht die Realwirtschaft.

Experten der führenden Investmentbank Goldman Sachs aus den USA warnen bereits eindringlich vor einem zunehmend härteren Wettbewerb um konjunktursensible Rohstoffe wie Öl, Kupfer und Platin. Die extreme Schwäche der amerikanischen Wirtschaft habe es China in den vergangenen beiden Jahren erlaubt, ohne Einschränkungen bei Rohstoffen zu wachsen. Das werde sich jetzt ändern, wenn die erhoffte Erholung der US-Industrie auf ein China treffe, das "dramatisch mehr Rohstoffe verbraucht als vor der Krise". Das Barrel Öl (WTI) wird nach Meinung von Goldman in zwölf Monaten 105 Dollar kosten, der Preis für Kupfer auf 11 000 Dollar je Tonne in die Höhe schnellen. "Es wird eine große Versuchung für die Investoren sein, eine wachsende Menge von Liquidität auf den Rohstoffmärkten anzulegen", warnt auch der Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis, Patrick Artus. Er hält weitere Preissprünge im Rohstoffsektor für eines der Hauptrisiken für die Konjunktur 2011.

Daten der US-Aufsichtsbehörde CFTC belegen, in welch enormem Ausmaß Investoren bereits im vergangenen Jahr auf der Suche nach höheren Renditen in den Rohstoffhandel drängten. Das Volumen offener Termingeschäfte an den US-Rohstoffbörsen stieg 2010 um die Hälfte auf 848 Milliarden Dollar - mehr als auf dem Höhepunkt der Rohstoffpreisblase des Jahres 2008. Die Geschäfte von Finanzinvestoren wie Hedge-Fonds wuchsen sogar um 76 Prozent.

Der Preisanstieg bei Rohstoffen ist auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Inflation in vielen Teilen der Welt höher liegt als erwartet. In Indien ist etwa die Inflationsrate für Lebensmittel im Jahresvergleich auf 18 Prozent, in China auf zwölf Prozent gestiegen. Das sorgt für Unruhe im Volk. Die chinesische Regierung hat Mais, Zucker und Reis aus staatlichen Beständen auf den Markt geworfen, um die Lage zu entschärfen. Die rasant steigenden Lebensmittelpreise haben die chinesische Notenbank bereits zu einer Verschärfung ihrer Geldpolitik gezwungen. Beobachter rechnen damit, dass auch Indiens Zentralbank noch im Januar die Leitzinsen zum siebten Mal seit Anfang 2010 erhöhen wird.

Selbst die ersten Industriestaaten sehen sich von der Rohstoffinflation bedroht. Davor warnte Großbritanniens Premierminister David Cameron am Wochenende. Die britische Inflationsrate lag im November bei 3,3 Prozent - deutlich über der Zielmarke der Bank of England von zwei Prozent. Volkswirte wie Brian Hillard von Société Générale fürchten, dass die Bank of England trotz nach wie vor fragiler Konjunktur die Zinsen erhöhen muss, um zu verhindern, dass die Inflationserwartungen aus dem Ruder laufen. Auch in der Euro-Zone ist die Inflation gestiegen. Sie hält sich mit gut zwei Prozent bisher allerdings noch im Rahmen.

Schlimmer könnte es kommen, wenn Ernteausfälle wie 2010 den Preisauftrieb im Lebensmittelsektor verstärken: Dann könnte die Versorgung mit Nahrungsmitteln in ärmeren Ländern knapp werden, warnt Leon Leschus vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Eine Situation wie 2008 sei denkbar. Damals kam es infolge steigender Lebensmittelpreise weltweit zu Hungersnöten und Revolten.

Entspannung ist nicht in Sicht - auch, weil führende Agrarimporteure wie Saudi-Arabien beginnen, Nahrungsmittel in großem Stil zu bunkern. Saudi-Arabien, China und andere Länder haben zudem großflächig in Entwicklungsländern Agrarflächen gekauft, um von dort den heimischen Lebensmittelbedarf zu decken. Selbst in Äthiopien, wo ein Drittel der Bevölkerung an Hunger leidet, hat die Regierung 500 000 Quadratkilometer Land an Saudis verpachtet, der Sudan 900 000 Hektar Ackerland. Dies droht die Situation zu verschärfen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Jörg Hackhausen
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Handelsblatt Online / Reporter
Dirk Hinrich Heilmann
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Handelsblatt / Chefökonom

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  • ich denke das die Spekulanten weniger darann schuld sind wie es immer behauptet wird um von den Großmachern abzulenken die hinter den Politspasstikern die Fäden ziehen und ganz einfach mach es selbst,wo du keine Steuerpresse dieser Unersättlichen Verschwender von erarbeiteten Leistungen des Volkes,noch haben wir bäume und Laternen !!!

  • Kann es nicht sein, dass speziell wir in Deutschland ganz kurz vor einem gewaltigen "Abschwung" stehen?

  • Den Anstieg der Rohstoffpreise haben wir den Spekulanten zu verdanken. Wie schon 2008. Wenn dann die blase platzt und die banken wieder kein Geld haben, werden die Steuerzahler oder Länder wieder Kasse geben. Haben wir schon alles gehabt. Dies geht solange bis wir pleite sind. Die Deutschen haben billionen im Sparsack und an dieses Geld muss man irgend wie ran und unsere unfähigen Politiker schauen tatenlos zu und haben nichts gelernt aus 2008. Was noch verwehrflicher ist, dass die Lebensmittelpreise in den armen Ländern steigen werden und die bevölkerung hungern muss, nur damit der Geldadel und die banken Gewinne ohne Ende einfahren können.

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