US-Dollar droht die Puste auszugehen
Experten sehen Euro auf Weg zu alter Stärke

Währungsspezialisten sind sich sicher, dass die jüngsten Kursrückschläge des Euro lediglich eine Ruhepause im Aufwärtstrend darstellen. Bis Ende des Jahres könnte der Euro den Prognosen zufolge wieder auf bis zu 1,27 Dollar steigen.

DÜSSELDORF. Der Euro hat sich von seinen diesjährigen Höchstständen bei 1,1932 $ wieder deutlich entfernt. Am Donnerstag hielt sich die europäische Gemeinschaftswährung knapp über 1,15 $. Die Kursgewinne des Euros seit Jahresbeginn sind damit von rund 16 % auf nur noch 11 % zusammengeschmolzen. Ist die Rally damit schon wieder zu Ende?

„Was wir in den letzten Wochen gesehen haben, war mehr oder weniger eine notwendige Korrektur“ auf die starken Kurssteigerungen der Vormonate, sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt, bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Es finde nun „ein Aufatmen am Markt“ statt. Beschleunigt wurde die Kurserholung des Dollars durch die relativ verhaltene Zinssenkung der US-Notenbank (Fed). Da die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen stärker zurückgenommen hatte, verringerte sich der Zinsabstand zwischen den USA und der Eurozone, Anlagen in den USA werden damit attraktiver. „Temporär wurde der Dollar dadurch etwas gestützt“, sagt Schilbe.

Auch Thomas Stolper glaubt, dass der Kursrückgang des Euros nicht von Dauer ist. „Es ist nur eine technische Reaktion“, sagt der Devisenanalyst des US-Investmenthauses Goldman Sachs in London. Zum Ende der Euro-Rally hätten die Spekulationen auf einen fallenden Dollar ziemlich stark zugenommen. Es seien große Dollar-Short-Positionen aufgebaut worden. Die dann einsetzenden Gewinnmitnahmen seien einer der Gründe für den deutlichen Kursrückgang des Euros bis auf rund 1,14 $. Und „inzwischen sieht alles wieder neutral aus“, so Stolper.

Doch „vermutlich haben wir den Boden schon gesehen“, sagt der Goldman-Sachs-Experte mit Blick auf einen weiteren Kursrückgang des Euros. Längerfristig werde der Dollar durch das Handels- und das Leistungsbilanzdefizit in den USA belastet. Zudem gebe es „noch keine Zunahme der Kapitalzuflüsse in die USA“, sagt er.

Die Ungleichgewichte in der amerikanischen Volkswirtschaft seien deutlich größer als in der Eurozone, erklärt Schilbe. Diese Ungleichgewichte zeigten sich eben in dem immensen Leistungsbilanzdefizit. Und „mit den gegenwärtigen Dollarkursen ist das nicht finanzierbar", sagt der Trinkaus-Experte. Die USA benötigten im Jahr über 500 Mrd. $ an Kapitalzuflüssen aus dem Ausland. Doch so lange die Zinsen am Geld- und Kapitalmarkt in den USA unter denen in Europa lägen, seien diese Zuflüsse schwer zu erreichen. Auch der relativ teure US-Aktienmarkt könne kaum Kapital ins Land locken.

Laut Schilbe könnte „der Dollar schon in Kürze vor einer größeren Abwärtsbewegung“ stehen. Bis zum Jahresende hält er einen Euro-Kurs von 1,27 $ für realistisch. Stolper schätzt „die Chancen für einen Ausbruch des Euros nach oben“ ebenfalls als recht gut ein. Zunächst könnte sich zwar die Seitwärtsbewegung zwischen 1,14 und 1,19 $ noch fortsetzen, bis Jahresende erwartet Goldman Sachs aber einen Euro-Kurs von 1,24 $. Innerhalb der nächsten zwölf Monate werde der Euro dann weiter bis auf 1,26 $ steigen.

Etwas vorsichtiger für die nächsten sechs Monate sind die Experten der WestLB gestimmt. Sie prognostizieren in ihren Zins- und Währungsperspektiven einen Eurokurs von nur 1,15 $. Dafür spreche eine „frühere und kräftigere konjunkturelle Belebung in den USA im Vergleich zum Euro-Raum“, aber auch die Erwartung, dass die EZB die Leitzinsen erneut um 50 Basispunkte senken werde. Dies werde den Dollar stützen. Doch mittelfristig würden die hohen Defizite in der US-Haushalts- und Leistungsbilanz wieder stärker beachtet. Entsprechend werde sich der Dollar zum Euro in den nächsten zwölf Monaten auf 1,25 $ abschwächen.

Auch Stolper sieht das größte Risiko für einen neuen Euro-Anstieg in der US-Konjunktur. Sollte diese stärker anziehen als erwartet und sollten ausländische Anleger als Folge dessen „massiv US-Aktien kaufen“, würde dies dem Euro schaden. Ein solches Szenario sei aber sehr unwahrscheinlich.

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Was bewegt die Devisenkurse?

Politische Stärke: Ein Bestimmungsfaktor für den Kurs einer Währung ist das geopolitische Gewicht eines Landes bzw. einer Region. Im vergangenen Jahrzehnt profitierte der Dollar von der politischen Vormachtstellung der USA. Heute honoriert der Devisenmarkt das Bemühen Europas um eine größere internationale Akzeptanz.

Wirtschaftskraft: Die wirtschaftliche Wachstumsrate eines Landes hat einen erheblichen Einfluss auf die Kursentwicklung seiner Währung. In der Vergangenheit war der Wachstumsvorsprung der USA zum Euroland ein Pluspunkt für den Dollar. Dieser Vorsprung ist zuletzt geschrumpft.

Zinsdifferenz: Internationales Kapital fließt oft in jene Währungen, die einen Zinsvorsprung aufweisen. So lange die Zinsen am europäischen Kapitalmarkt über den US-Renditen liegen, dürfte der Euro eine größere Anziehungskraft auf das weltweite Anlagekapital ausüben als der Dollar.

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