Versorgungsängste treiben die Rohölpreise
Öl: Die verhängnisvollen Irrtümer der Experten

Die Experten haben völlig falsch gelegen. Preise von unter 25 Dollar je Barrel (159 Liter) hielten sie Anfang des Jahres 2004 für „durchaus realistisch“. Doch die Wirklichkeit sah ganz anders aus: Die Preise lagen zeitweise mehr als doppelt so hoch.

HB DÜSSELDORF. Und obwohl die Notierungen deutlich zurückgegangen sind, ist der Preis für Rohöl unverändert teuer. Es ist ein schwacher Trost, dass schon in der Vergangenheit die Preisirrtümer immer dann besonders hoch ausfielen, wenn Experten zuvor allzu großen Optimismus an den Tag gelegt hatten.

Erinnerungen an die Energiekrise der 70er-Jahre und an die autofreien Sonntage kamen im Jahr 2004 auf, als die Rohölpreise auf historische Höchststände kletterten. Der Gipfelsturm hielt bis Ende Oktober an. Das Nordseeöl der Marke Brent – Marktführer in Europa – kostete über 52 Dollar je Barrel. Die US-Richtmarke West Texas Intermediate (WTI) notierte über 55 Dollar je Barrel. Damit hatte sich Rohöl im Jahresverlauf um bis zu 80 Prozent verteuert. Inzwischen ist der Ölpreis um rund zehn Dollar gefallen und hat sich von seinen Höchstständen wieder deutlich entfernt. Tatsächlich hat sich die Lage an den Rohölmärkten wieder entspannt. Doch gelten die Probleme an den Märkten, die in diesem Jahr aufgedeckt worden sind, noch nicht als gelöst. Und zwar auf der Nachfrage- wie auf der Angebotsseite.

Zu den größten Unsicherheitsfaktoren zählt nach wie vor der Bedarf der Schwellenländer, der so genannten Emerging Markets, also etwa der Volksrepublik China und Indien. Deren Nachfragezuwachs ist im Jahr 2004 bei weitem unterschätzt worden. Nachfragesteigernd wirkte aber auch, dass sich die Wirtschaft in den USA erholte. Die Vereinigten Staaten zählen zu den größten Ölverbrauchern der Welt. Und ein Rückgang des Wachstums zeichnet sich bislang weder in den USA noch in China ab, allenfalls eine Verlangsamung.

Auch die Yukos-Entwicklung wirkte preistreibend

Damit gilt als fraglich, ob eine konjunkturelle Abkühlung den Ölpreis nachhaltig dämpfen wird. Die Versorgungsängste wurden zusätzlich durch weltweit knappe Ölbestände geschürt. So sorgten neue Bestandsdaten aus den USA immer wieder für schnelle, kräftige Preisausschläge nach oben und nach unten.

Die Furcht vor Angebotsengpässen wurde durch die geopolitische Situation und einige ebenfalls nicht kalkulierbare Ereignisse noch angefacht. Rund zwei Drittel der Weltreserven liegen in der Region am Persischen Golf. An den Märkten wuchs daher vor allem die Sorge vor Anschlägen auf die Ölanlagen im Ölland Saudi-Arabien. Zusätzlich verschärften Spekulanten den nach oben zeigenden Preistrend.

Preistreibend wirkten aber auch die Zuspitzung der Lage beim russischen Ölgiganten Yukos und mehrere Wirbelstürme in den Vereinigten Staaten; die Produktion am Golf von Mexiko war zeitweise erheblich eingeschränkt. Schwerer wogen noch die politischen Unruhen in Venezuela und Nigeria. Diese drohten den ohnehin knappen Angebotspuffer der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) noch schrumpfen zu lassen. In dieser Situation erhielt die noch geringe Produktion des Iraks eine wachsende Bedeutung. Entsprechend trieben Anschläge auf Pipelines oder Ölförderanlagen in dem umkämpften Land die Ölpreise immer wieder nach oben.

Sünden der Vergangenheit rächten sich

Auf dem Prüfstand stand das Ölkartell Opec. Traditionell hatte der Zusammenschluss von Förderländern an den Energiemärkten eine ausgleichende Rolle. In diesem Jahr stieß die Opec allerdings an ihre Kapazitätsgrenzen. Sie förderte zeitweise so viel Rohöl wie seit 25 Jahren nicht mehr. Opec-Präsident Purnomo Yusgiantoro versicherte unaufhörlich, dass die Opec ihr Angebot noch weiter ausweiten werde, sollte dies erforderlich sein. Zur Überraschung der Märkte hat das Ölkartell Wort gehalten.

Die Zweifel waren allerdings berechtigt. Denn es rächten sich die Unterlassungssünden der Vergangenheit. Die unverändert bestehenden Kapazitätsengpässe auf der Angebotsseite sind bereits in den 90er- Jahren entstanden. Angesichts der damals niedrigen Rohölnotierungen blieben Investitionen etwa in die Erschließung neuer Ölfelder oder in neue Fördertechniken aus.

Die Ursachen für den diesjährigen Preisanstieg liegen aber gleichermaßen in den Verbraucherländern. So gibt es Engpässe auch auf der Seite der Weiterverarbeitung. Gerade in den USA, dem mit Abstand wichtigsten Verbraucherland, fehlt es an ausreichenden Raffineriekapazitäten. Seit fast drei Jahrzehnten ist in Amerika keine neue Raffinerie mehr gebaut worden. Und anders als nach der Ölkrise in den 70er-Jahren zeichnen sich noch immer keine größeren Investitionen ab.

Lesen Sie weitere Rückblicke auf das Jahr 2004 in der großen Handelsblatt.com-Jahreschronik: >>> weiter...

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