Währungen
Englischer Patient: Das verlorene Pfund

Der Euro? Teufelswerk! Auf nichts sind die Engländer so stolz wie auf ihr Pfund. Doch das fällt und fällt. Nun droht ihm gar die Parität zum Euro. Das ramponiert Britanniens Selbstbewusstsein – und lockt Schnäppchenjäger aus dem Ausland an.

LONDON. Gestern Morgen ist Sandrine Lescaut daheim in Paris in ein cremefarbenes Kostüm geschlüpft, zum Gare du Nord gefahren und in den Schnellzug Eurostar nach London gestiegen, um einkaufen zu gehen. Nun, kaum vier Stunden später, hat die Endvierzigerin mit den grau melierten Haaren ihre erste Runde ernsthaften Power-Shoppings hinter sich. Ein Kleid, zwei Paar Hosen und ein Paar Schuhe, das ist die Ausbeute des Blitzbesuchs im Nobelkaufhaus Harvey Nichols in Londons noblem Stadtteil Knightsbridge. "Jetzt geht es weiter zu Harrods, das ist ja gleich um die Ecke", verkündet sie fröhlich. "Bei diesen Preisen darf es ruhig ein bisschen mehr sein."

Das sagt sich auch der Düsseldorfer Helmut Schulte. Schon vor Jahren hat er sich in die bunten Streifen des britischen Hemdendesigners Paul Smith verliebt. Dieser nicht gerade billigen Liebe frönt Schulte via Internet. Diese Woche erreichte den 39-Jährigen ein Paket aus London: zwei Hemden, einen Kaschmir-Schal und ein T-Shirt für insgesamt 280 britische Pfund. Vor zwei Jahren wären das noch über 400 Euro gewesen. Nun kostet Schulte das Designerpaket nur noch den Discountpreis von 300 Euro.

London, die Hauptstadt der Reichen und der Superreichen, als Schnäppchenjägerparadies? Der Absturz des Britischen Pfundes macht es möglich. Innerhalb eines Jahres hat die altehrwürdige Währung über ein Viertel ihres Werts verloren. Im Dezember taumelte der Sterling von einem Rekordtief zum nächsten, teilweise wurden mehr als 98 Pence für einen Euro fällig, so viel wie noch nie. Einst bekamen die Briten einen Euro für 65 Pence. In den vergangenen Tagen berappelte sich das Pfund zwar wieder ein wenig, doch die Parität zum Euro, der Eins-zu-eins-Kurs, er könnte bald kommen. Möglicherweise droht dem Pfund heute ein weiterer schwerer Tag, wenn die Bank of England erneut die Zinsen senken dürfte.

Die Talfahrt des Pfundes ist ein Symbol für die Krise des ganzen Landes. Vorbei ist der Traum vom britischen Sonderweg, vom Boom ohne "bust", vom ewigen Konjunkturfrühling, der die europäischen Vettern auf dem Kontinent vor Neid erblassen lässt.

Nun ist das Selbstvertrauen der Briten ebenso entwertet wie ihre Währung. Schon geht die Angst um, dass die Insel erneut zum "kranken Mann Europas" verkommen könnte, so wie in den finsteren 70er-Jahren. Schließlich trifft die Briten die Finanzkrise so hart wie kaum ein anderes Land Europas.

Wie ein graues Schlachtschiff liegt das mächtige Gebäude der Bank of England im Zentrum der Londoner City. Seit ihrer Gründung im Jahr 1694 versteht sich die altehrwürdige Institution als Hüterin des Pfundes. Doch heute Mittag wird die Mannschaft um Notenbankgouverneur Mervyn King die heimische Währung wohl weiter schwächen müssen. Um die schwerste Rezession seit über 20 Jahren zu bekämpfen, muss King die Zinsen erneut senken, wahrscheinlich auf 1,5 Prozent. Das wäre der tiefste Stand seit über 300 Jahren. Seit Oktober haben King & Co. die Zinsen im Rekordtempo heruntergeschraubt, und glaubt man den Auguren in den gläsernen Banktürmen in der City, werden sie den Leitsatz bald bis auf quasi null senken müssen, um Großbritannien wenigstens vor einer lähmenden Deflation zu bewahren.

Konservative Kommentatoren schieben den Schwarzen Peter für den Pfundabsturz natürlich vor allem Labour-Premierminister Gordon Brown zu. Der habe durch seine wagemutige Finanzpolitik das Vertrauen in die Währung verspielt. Als "vernichtendes Urteil der internationalen Märkte zur britischen Wirtschaftpolitik" geißelt Schattenfinanzminister George Osborne von den Tories die Pfundschwäche und rechnet genüsslich vor, dass der Premier und Ex-Finanzminister den höchsten Schuldenberg der Welt angehäuft habe: "Mehr als 100000 Pfund pro Haushalt, 184 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, dreimal so viel wie Frankreich, Deutschland oder die USA."

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