Währungsverfall
USA zwischen Erleichterung und Frust

Der Euro kratzt an der Marke von 1,50 Dollar. Ein Segen für die angeschlagene US-Exportwirtschaft, denn die Exportgewinne steigen und amerikanische Firmen können sich im internationalen Preiswettbewerb besser behaupten. Europäische Firmen werden dagegen nervös. Aber auch in den USA gibt es skeptische Stimmen.

NEW YORK. Mit einer seltsamen Mischung aus Frust und Erleichterung reagieren die USA auf die jüngste Abwertung ihrer Heimatwährung. Die republikanische Opposition schimpft auf Präsident Barack Obama und wirft ihm vor, die Dollar-Krise zu verschlimmern. „Was passiert, wenn der Dollar crasht?“, titelt das Magazin „Business Week“ besorgt. Amerikas Verbraucher stöhnen über deutlich steigende Ölpreise und teurer werdende Importware. Nur die Regierung und die Notenbank Federal Reserve zeigen sich in dieser Sache gelassen bis entspannt. Schließlich ist der schwächere Dollar für weite Teile der US-Wirtschaft ein Segen, weil er die Exportgewinne stärkt und Wettbewerbsvorteile gegenüber Konkurrenten aus dem Ausland bringt.

Die Dollarschwäche mache es möglich, „in Übersee viel aggressiver vorzugehen“, sagte der Chef der Werkzeugfabrik Eastman Machine, Robert Stevenson, der „New York Times“. Im vorigen Jahr musste er im Zuge der Rezession ein Dutzend Mitarbeiter entlassen. Jetzt steht seine Firma offenbar vor einem Multimillionen-Auftrag aus Europa, und wenn das Geschäft in trockenen Tüchern ist, will Stevenson wieder einstellen. So wie Eastman Machine geht es vielen US-Firmen: Ein Euro-Kurs oberhalb der Marke von 1,50 Dollar wirkt für die größte Volkswirtschaft der Welt wie ein zusätzliches Stimulierungsprogramm. Gestern stieg der Euro bis auf Bruchteile eines Cents unterhalb dieser Marke auf den höchsten Stand seit 14 Monaten.

Amerikas Firmen können Unterstützung von der Devisenseite gut gebrauchen, weil die US-Regierung beim Krisenmanagement nahezu all ihre Register gezogen hat. Die Leitzinsen liegen fast am Nullpunkt, das Haushaltsdefizit im abgelaufenen Geschäftsjahr ist auf 1,4 Billionen Dollar angewachsen. Weitere Konjunkturhilfen im Land des Schuldenweltmeisters sind da politisch kaum mehr durchsetzbar. Selbst wenn der Dollar weiter abwerten sollte, erwarten Ökonomen deshalb keine baldige Intervention von der amerikanischen Seite: Solange es keinen Dollar-Crash gebe, der das Vertrauen in die Leitwährung beschädige, könne man den Rückgang noch als „gesund“ betrachten, sagt Fred Bergsten, Direktor des Peterson Institute.

Beim Think Tank aus Washington geht man davon aus, dass der Dollar gegenüber dem Euro nun fair bewertet ist. Auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise hatten viele Investoren nach einem sicheren Hafen gesucht und den US-Dollar angesteuert. Jetzt werde – bei steigendem Risikoappetit – nur die Aufholbewegung des Greenback rückgängig gemacht, meint Bergsten.

Während sich die Finanzminister der Euro-Länder und die Europäische Zentralbank (EZB) zusehends kritisch zu den Verschiebungen äußern und vor zu starken Ausschlägen der Wechselkurse warnen, steht Washington konsequent an der Seitenlinie. Notenbankchef Ben Bernanke warnte zu Wochenbeginn zwar vor bedrohlichen Ungleichgewichten im Welthandel, vermied dabei aber jede Anspielung auf den fallenden Dollarkurs. Finanzminister Timothy Geithner greift zwar auf Anfrage zur Standardformel, wonach „ein starker Dollar im Interesse Amerikas“ bleibe. Eine Intervention von US-Seite aber gilt bei Experten weder als wahrscheinlich noch als erwünscht.

Washington rede vielleicht über einen starken Dollar, sei aber nicht willens, etwas in dieser Richtung zu unternehmen, meint Jonathan Clarke vom New Yorker Hedge Funds FX Concepts. Schließlich fehlen Washington nicht zuletzt die Mittel, um gegen den Abwärtstrend ankämpfen zu können: „Die Notenbank kann die Zinsen nicht erhöhen, und das Weiße Haus kann das Budget-Defizit nicht in absehbarer Zeit kürzen“, sagt Währungsexperte Neil Mellor von BNY Mellon Global Markets. Steigende Zinsen würden zudem die Erholung der Wirtschaft und des immer noch angeschlagenen Bankensektors abwürgen.

Jeffrey Sachs, Management-Professor an der Columbia Universität, sieht es so: „Wir können nicht auf die Rückkehr der Konsumlust der US-Bürger setzen, die die Wirtschaft nach früheren Krisen angekurbelt hat“, sagte er bei einem Vortrag über die Zukunft der US-Wirtschaft. Der private Konsum macht über 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Aber seit viele Bürger verschuldet sind oder um ihren Job fürchten, tragen sie kein Geld mehr in die Geschäfte. „Die Exporte werden es richten müssen“, sagte Sachs. Und das bedeute, dass man einen schwächeren Dollar brauche, egal was die Regierung öffentlich dazu auch sage.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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