Warum der Euro auf Talfahrt ging
Wie eine Ente die Märkte bewegt

Getreu dem Prinzip „Wehret den Anfängen“ fühlten sich gestern der Bundesfinanzminister, die Bundesbank und die EU-Kommission genötigt, einen recht abstrus klingenden Bericht des „Stern“ zu dementieren, der den Euro auf Talfahrt geschickt hatte.

DÜSSELDORF. "In einem vertraulichen Treffen von Finanzminister Hans Eichel und Bundesbankchef Axel Weber mit Ökonomen sei über die Gefahr eines Auseinanderbrechens des Euros geredet worden“, hieß es im Artikel. Selbst der „Stern“ nahm diese Nachricht nicht besonders wichtig. Der „Fakt“ wird eher beiläufig am Ende einer längeren Vorabmeldung erwähnt. Doch die Nachrichtenagentur Bloomberg macht genau diesen Schnipsel zum Inhalt einer Eilmeldung, die sie tausendfach in die Handelssäle der Banken verbreitet. Der Euro, seit der Ablehnung der EU-Verfassung ohnehin im Abwärtstrend, kommt weiter unter Druck. Die Geschichte verselbständigt sich. Denn nun gibt es handfeste Marktreaktionen, auf die die Medien zum Beleg verweisen können und auf die sie reagieren müssen. In immer schnellerem Rhythmus kommen Folgestorys, Dementis und Hintergrundberichte.

Als erstes stellt das Finanzministerium klar, dass keineswegs ein Treffen einberufen wurde, um diese Frage zu diskutieren. Vielmehr habe es sich um ein routinemäßiges Treffen gehandelt. Später bezeichnen Bundesbank und EU-Kommission die Meldung als Unsinn. An so einer absurden Diskussion beteilige sich Weber nicht, ließ die Bundesbank verlauten.

Im „Stern“ wird Gesprächsteilnehmer Joachim Fels zitiert, der bei der Investmentbank Morgan Stanley für die Rentenmarktstrategie zuständig ist: „Das kann in ein paar Jahren zum Super-GAU führen, einem Auseinanderbrechen des Euros.“ Fels will sich gegenüber dem Handelsblatt zu dem Treffen nicht äußern, wie er dies auch gegenüber dem „Stern“ nicht getan habe. Er habe nur seine Meinung in der Sachfrage erläutert, sagt Fels. Der Chefvolkswirt einer großen Bank, der an dem Treffen teilnahm, berichtet: „In dem Treffen wurde über alles mögliche geredet, auch über Divergenzen im Euro-Raum. In diesem Zusammenhang brachte ein Teilnehmer die These auf, die Währungsunion könne scheitern. Weber und Eichel haben dazu nicht einmal freundlich genickt, geschweige denn etwas gesagt.“ Ob dieser Teilnehmer vielleicht doch Fels war?

Die Experten waren gestern gut beschäftigt. Thomas Mayer, der für die Deutsche Bank in London für diese Themen zuständig ist, konnte sich vor Anfragen kaum retten. Allerdings kamen sie kaum von den Händlern der Bank, sondern vorwiegend von den Medien. Mayer glaubt nicht an ein Ende des Euros - wie fast alle Experten. „Die aktuelle Debatte über eine Auflösung der Währungsunion geht an die Grenze der Seriosität“, sagte Folker Hellmeyer, Volkswirt der Bremer Landesbank der Nachrichtenagentur Reuters. „Vollkommen unrealistisch“, lautete die Wertung von Andreas Hahner, Devisenstratege bei Dresdner Kleinwort Wasserstein.

Das schließt allerdings nicht aus, dass der Devisenmarkt nicht doch auf eine solche Ente reagiert. Denn dort macht man seinen Gewinn, wenn man richtig voraussieht, wie die anderen reagieren. Und wenn die Stimmung für eine Währung so angeschlagen sei wie die für den Euro nach dem französischen Referendum, dann könne man bei jeder Nachricht, die zumindest schlecht klingt, auf einen Kursrückgang setzen, erläutert ein Händler. Wenn noch dazu kommt, dass wenig später sehr schwache Einkaufsmanagerindizes für die Euro-Zone veröffentlicht werden, dann kann es eigentlich nur nach unten gehen.

Dem „Stern“ dienten die vermeintlichen Geheimgespräche über den Ausstieg aus der Währungsunion vor allem zum Beleg der Relevanz seiner Anti-Euro-Geschichte. Darin heißt es, die Mehrheit der Deutschen hätte lieber die Mark zurück. Sachverständiger Bert Rürup wird mit der angegrauten These zitiert, Deutschland leide auf Grund der Währungsunion am Verlust seines Zinsvorteils. Und ein „bisher unter Verschluss gehaltenes“ Rechtsgutachten für den Bundestag legt dann schließlich noch dar, dass ein Ausstieg möglich ist. Der „Stern“ kommt mit seiner Geschichte allerdings zu spät. Seit einigen Monaten entwickelt sich Deutschlands Wirtschaft weniger schlecht als die der meisten anderen Euro-Länder.

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