Weizenhandel damals und heute
Wie bei den Buddenbrooks

Der Getreidehandel leidet unter starken Preisschwankungen. Das Geschäft ist heute so riskant wie um das Jahr 1855 herum. Und viele hanseatische Kaufleute haben sich schon verspekuliert.

HAMBURG/DÜSSELDORF. Lübeck, 1855. Ein Meer schwarzer Zylinder wogt im belebten Börsensaal der Hansestadt - Händler, Käufer, Verkäufer werfen sich Preise zu, prüfen an langen Tischen die Ware. Dazwischen Senator Johann Buddenbrook. Er bietet für eine Ladung Weizen aus Mecklenburg, zögert ein wenig, da wird er im letzten Moment von seinem Konkurrenten Hermann Hagenström überboten. "Ich bin zu vorsichtig geworden, Hagenström hat mir das Geschäft weggeschnappt", sagt Buddenbrook ein paar Tage später und dankt ab. Es ist der Anfang einer Unglücksserie, die im Untergang der Firma und der Familiendynastie enden wird. Szenen aus dem Film "Buddenbrooks" auf Grundlage des Romans von Thomas Mann.

Der Getreidehandel im 19. Jahrhundert war nicht viel anders als heute. Nur die Besten überleben in dem risikoreichen Geschäft. Wo Tausende von Tonnen Weizen den Besitzer wechseln, bringen winzige Preisvorteile viel Geld, falsche Entscheidungen kosten umgekehrt ein Vermögen. Das Wetter und die Qualität der Ernte können ebenso rasch einen Strich durch die Rechnung machen, wie Krieg oder Frieden, Frachtraten und Stürme auf dem Meer. Dazu das Risiko der Termingeschäfte, der Wetten darauf, wo der Preis in drei Monaten steht. 150 Jahre nach den Buddenbrooks haben Preisausschläge wie seit Jahrzehnten nicht mehr wieder das eine oder andere Handelshaus an den Rand der Existenz gebracht.

Hamburg, Börsensaal III, Januar 2009. "Der Film ist sehr realistisch", sagt Getreidehändler Rainer Schmidt, Inhaber der PTH Handelsgesellschaft für Agrarprodukte in Pinneberg. Schmidt, ein gepflegter Herr in seinen 60ern, wirkt in Dreireiher, Krawatte und akkurat gescheiteltem Haar so, wie man sich einen Hanseaten vorstellt. Die Risiken seien auch heute immens, immer wieder scheiterten über Jahre gewachsene Firmen an ein paar Fehleinschätzungen. 2008, als die Rohstoffpreise erst steil nach oben gingen und dann wieder dramatisch absackten, hat es einige besonders schwer getroffen.

Schmidt kennt noch die Zeiten, als hier täglich gehandelt wurde, Getreideproben geprüft und Preise per Handschlag besiegelt wurden. Er ist zum Treffen des Hamburger Getreidehändlervereins gekommen, in dem neben vielen europäischen Firmen rund 80 Prozent der deutschen Händler organisiert sind. Hamburg ist mit einer Lagerkapazität von zwei Millionen Tonnen einer der größten Umschlagplätze Europas und hat Lübeck schon zu Zeiten der Buddenbrooks überholt. Das Bild, das die dunkel gekleideten Herren abgeben, könnte auch aus dem Film sein. Sie stehen im zartblau getünchten, stuckverzierten drei Etagen hohen Saal, mit zwei Galerien und klassizistischen Rundbögen. So wie heute trifft man sich inzwischen nur noch drei Mal jährlich, das Geschäft läuft per Computer, aber ganz ohne persönlichen Kontakt geht es nicht. Hier und da werden auch ein paar Tausend Tonnen Getreide verschoben. Und man raunt sich zu, wer zuletzt Schlagseite bekommen haben dürfte.

Preisbewegungen wie 2008 haben auch die altgedienten Handelsleute hier noch nicht erlebt. 110 Euro habe die Tonne Weizen noch im Frühjahr 2007 gekostet, dann sei sie innerhalb von nur 14 Tagen auf 160 gestiegen, im August 2008 gar auf 280 Euro. Dann kam die neue Ernte, mit höheren Erträgen auf zehn Prozent mehr Anbaufläche in Europa, und der Preis pro Tonne sei binnen weniger Wochen auf 155 Euro die Tonne heruntergerauscht. "Wer da auf dem falschen Fuß erwischt wurde, hat das sehr teuer bezahlt", sagt Schmidt.

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