Weltweite Eisenerz-Bestände in Händen von drei Minenbetreibern
Rio Tinto löst Erz-Ängste aus

Der Minengigant Rio Tinto hat einen Eisenerz-Preisanstieg von fast 100 Prozent durchgesetzt und damit weltweit Sorgen vor einer deutlichen Verteuerung von Gütern wie Autos ausgelöst.

HB SCHANGHAI/FRANKFURT. Wegen der drohenden Preiserhöhung für Stahl gaben Aktien von Volkswagen, BMW und Daimler am Dienstag nach, auch wenn Experten zunächst eher Auswirkungen in Asien erwarteten. Dort kündigte der weltweit viertgrößte Stahlhersteller Posco umgehend bis zu 21 Prozent höhere Preise an.

Die weltweiten Eisenerz-Bestände befinden sich zum Großteil in der Hand der drei Minen-Betreiber Rio Tinto und BHP Billiton aus Australien sowie Vale aus Brasilien. Rio hatte am Montagabend mitgeteilt, in den Verträgen mit Chinas größtem Stahlhersteller Baosteel eine Preisanhebung von bis zu 96,5 Prozent durchgesetzt zu haben. "Das ist ein extrem gutes Geschäft für Rio", sagte ein Rohstoffexperte in London. Zudem gab es Medienberichte, wonach auch die weltweite Nummer zwei der Branche, Japans Nippon Steel, und andere Firmen des Landes in Gesprächen mit Rio einer Verdoppelung der Preise für das Geschäftsjahr 2008/09 zugestimmt hätten. Nippon wies dies zurück und erklärte, die Gespräche liefen noch.

Im Frühjahr hatte Vale in China Anhebungen zwischen 65 und 71 Prozent durchsetzen können. Rio und BHP argumentieren, ihre höheren Forderungen seien gerechtfertigt, weil die Asiaten für Erz aus Australien deutlich weniger Frachtkosten zahlen müssten als für Erz aus Brasilien.

Der südkoreanische Stahlhersteller Posco begründete seine Anhebung der Preise um ein Fünftel damit, dass die steigenden Rohstoffpreise aufgefangen werden müssten. Der Düsseldorfer Rivale ThyssenKrupp hatte schon Mitte Mai angekündigt, wegen höherer Rohstoffkosten seine Preise weiter erhöhen zu wollen. Der Konzern hatte bei seinen jüngsten Verhandlungen im Schnitt Preisanhebungen von 65 Prozent akzeptiert. Nach Angaben eines Sprechers der Stahlsparte laufen diese Verträge bis März 2009. Finanzchef Ulrich Middelmann hat bereits erklärt, im laufenden Geschäftjahr auch mit Preissteigerungen die höheren Rohstoffkosten nicht komplett wettmachen zu können. Darin zeigt sich das Dilemma: können keine höheren Preise durchgesetzt werden, wird das wohl auf den Gewinn drücken. Der zweitgrößte deutsche Stahlhersteller Salzgitter wollte sich am Dienstag zunächst nicht äußern.

Zur Produktion einer Tonne Stahl werden etwa zwei Tonnen an Rohstoffen wie Eisenerz und Kokskohle benötigt. Da es nur wenige große Minenbetreiber gibt, haben selbst große Stahlkonzerne eine schwache Verhandlungsposition. ThyssenKrupp und Salzgitter haben keine eigenen Minen oder größere Anteile daran. ThyssenKrupp hatte 2001 seine brasilianische Erzgrubentochter Ferteco an CVRD verkauft, die heutige Vale. Eine Rückkehr ist Middelmann zufolge wegen der hohen Preise kaum möglich. Eisenerz-, Kohle-, Nickel- oder Chrom-Minen seien kaum mehr zu bezahlen.

In Asien wurden die Aktienmärkte am Dienstag von der Sorge um die steigenden Preise belastet. Der Stahl-Index in Tokio gab 1,9 Prozent nach. Nippon Steel verloren 2,5 Prozent. Auch Autohersteller wie Toyota gaben nach.

In Frankfurt notierten Auto-Papiere in einem schwachen Marktumfeld bis zu drei Prozent tiefer. Europas größter Autobauer Volkswagen sagte auf Anfrage, er rechne aufgrund der steigenden Rohstoffpreise mit höheren Belastungen. Der Konzern verstärke derzeit seine Anstrengungen bei der Einsparung von Materialkosten. Die daraus resultierenden Effekte würden die aktuellen Marktpreisforderungen aber wohl nicht kompensieren.

VW ist wie andere Autobauer durch langfristige Verträge etwa mit Stahllieferanten gegen Preisschwankungen abgesichert. Mit deren Auslaufen können Lieferanten höhere Preise durchsetzen. BMW bekräftigte Aussagen vom Mai, 2008 werde mit rund zwölf Prozent höheren Belastungen durch Rohstoffkosten gerechnet. 2007 schlugen höhere Preise für Stahl oder Aluminium bei den Münchnern mit 288 Mill. Euro zu Buche.

"Die Kunden reißen sich im Moment nicht um Autos, da dürfte es schwer werden, die höhen Kosten weiterzureichen", sagte Aktienhändler Matthias Melms von der NordLB. Indes sei Europa wohl nicht so stark wie Asien betroffen, weil hiesige Firmen das billigere australische Erz kauften. Wegen hoher Transportkosten lohne sich der Kauf in Brasilien nicht mehr. In der Branche gibt es Bestrebungen, davon wegzukommen, Lieferverträge für ein Jahr im voraus zu vereinbaren. Kritiker nennen das aktuelle System in dem Multi-Milliarden-Dollar-Markt zu undurchsichtig. Deshalb ist eine Plattform für kurzfristigen Handel im Gespräch. Es gibt aber die Sorge, dass dort die Preise durch Spekulanten wie Hedge-Fonds verzerrt werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%