Zinsdifferenz belastet
Trübe Aussichten für den Euro

Der Kurs des Euros steht weiter unter Druck. Nach dem kräftigen Rutsch Ende vergangener Woche fiel die Gemeinschaftswährung am heutigen Dienstag bis auf 1,1711 Dollar zurück. So niedrig notierte sie zuletzt am Mitte November 2003. Experten erwarten für die nächsten Tage weitere Verluste.

DÜSSELDORF. Auch die Sorge vor einem Übergreifen der Krawalle in Frankreich auf andere europäische Staaten hat den Eurokurs gedrückt. Bislang wurden allerdings nur in wenigen Städten außerhalb Frankreich vereinzelte Übergriffe wie das Anzünden von Autos gemeldet, darunter in Berlin.

Ausgelöst wurde die Schwäche bereits am Freitag. Die Gemeinschaftswährung war trotz enttäuschender Arbeitsmarktdaten aus den USA um rund zwei Cent bis auf knapp 1,18 Dollar abgerutscht. Der Kurs hatte dabei die wichtige charttechnische Unterstützungsmarke von 1,1866 Dollar nach unten durchbrochen.

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Nach Einschätzung von Dorothea Huttanus, Leiterin Geld- und Devisenmärkte der DZ Bank, setzte sich gestern die Entwicklung vom Freitag fort. „Der Devisenmarkt hat völlig gegen jegliche Vernunft reagiert“, sagt die Expertin. Denn die Arbeitsmarktdaten aus den USA seien schlechter ausgefallen als erwartet. Dennoch seien sie Anlass gewesen, den Dollar zu kaufen. Dies zeige, dass sich der Markt nur auf die Zinsphantasie fokussiere. „Der Zinsvorteil ist überzeugend“, sagt Huttanus, „aber alles, was Zweifel daran aufkommen lässt, wird völlig ignoriert“.

Höhere Zinsen machen Anlagen eines Landes attraktiver. Während die US-Notenbank (Fed) in der vergangenen Woche die Leitzinsen zum zwölften Mal in Folge auf nunmehr vier Prozent angehoben hatte, verharren die Zinsen in Euroland nun schon seit Juni 2003 bei zwei Prozent. Japan verfolgt seit langem nahezu eine Nullzinspolitik.

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„Diese Zinsdifferenz-Argumentation hat zusammen mit Stop-loss-Verkäufen unter 1,1850 Dollar den Euro ganz massiv gedrückt“, sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Er rechnet damit, dass die Fed in diesem Jahr die Zinsen noch ein weiteres Mal anheben könnte und dann noch einmal im Januar. Auch die Terminmärkte gehen mehrheitlich davon aus, dass der Zinssatz im April bei 4,5 Prozent liegt. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) seien sich die Marktteilnehmer dagegen unschlüssig, ob ein Zinsschritt noch in diesem Jahr erfolgen wird.

Laut Petra von Kerssenbrock von der Commerzbank sind die Kursbewegungen in erster Linie Dollar-getrieben. „Ursache sind die unterschiedlichen Zinsentwicklungen in den drei großen Volkswirtschaften. Die Finanz- und Haushaltsdebatte mit dem Milliardenloch spielt da keine große Rolle“, meint sie. Nach Einschätzung des Trinkaus-Experten Schilbe ist die aktuelle Diskussion in Deutschland allenfalls eine zusätzliche Belastung. „Der Weg über Steuererhöhungen ist kontraproduktiv für den Euro“, sagt er.

Drastisch eingetrübt hat sich für den Euro auch die charttechnische Situation, seit er am Freitag aus seiner monatelangen Seitwärtsbewegung nach unten ausgebrochen ist. Das Tief vom Juli bei 1,1866 hatte mehrfach gehalten und galt als solide Unterstützung. Vor allem professionelle Marktteilnehmer orientieren sich an derartigen Marken. Der Bruch der Linie war daher für viele Akteure ein Signal, weitere Euro-Bestände zu verkaufen oder aber mit Optionen gegen den Euro zu spekulieren. „Technisch betrachtet haben wir die Seitwärtsbewegung mit einem Verkaufsssignal verlassen. Dadurch trübt sich die Situation ein. Entscheidend ist jetzt, ob das Tief von Mai und Juni vergangenen Jahres hält“, sagt Petra von Kerssenbrock. Wichtig ist vor allem, ob es sich bei dem gestrigen Bruch – gestern notierte der Euro knapp unter dem Mai/Juni-Tief – um eine nachhaltige Entwicklung handelt, die also an den Folgetagen bestätigt wird.

Trinkaus-Stratege Schilbe hat sein Jahresendziel für den Euro jedenfalls kräftig nach unten korrigiert. Bisher hatte er mit 1,27 Dollar gerechnet, nun sind es 1,22 Dollar beim Euro. DZ-Strategin Huttanus vermag indes nicht einmal so recht an Kurse von 1,20 Dollar zum Jahresende glauben. „Das Risiko liegt auf der unteren Seite“, sagt sie. Ähnlich sieht es offensichtlich Stephen L. Jen von Morgan Stanley: „Der Kurs ist auf dem Weg in Richtung unseres Jahresendziels von 1,16 Dollar“.

Skeptischer gegenüber dem Euro wird auch Berkshire Hathaway, die Holdinggesellschaft des Milliardärs und Investmentgurus Warren Buffett. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg hat der unerwartet starke Dollar Berkshire Hathaway in diesem Jahr bislang 900 Mill. Dollar gekostet. Buffett hatte darauf gesetzt, dass das US-Handelsdefizit den Greenback schwächen würde. Ende September hielt Berkshire Hathaway nur noch 16,5 Mrd. Dollar in Devisenterminkontrakten, nach 21,5 Mrd. Dollar Ende Juni. Charttechnisch steht der Euro auf des Messers Schneide. Der Kurs hat eine wichtige Unterstützung durchbrochen.

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