Börsenexperte im Interview
„Ich kaufe nie am ersten Handelstag“

Heute geht Alibaba an die Börse. Das Investment in Neulinge ist nicht immer von Erfolg gekrönt, mit der Telekom und Air Berlin haben viele Kleinanleger Geld verloren. Oliver Roth erklärt, was Anleger beachten müssen.
  • 0

Der anstehende Börsengang von Alibaba ist aktuell in aller Munde. Auch in Deutschland gab es mal eine Zeit, als Börsengänge groß gefeiert wurden. Die Neuemissionen von Telekom und Air Berlin zum Beispiel. Sie wurden mit aufwändigen Werbekampagnen von Prominenten wie Manfred Krug und Johannes B. Kerner angepriesen. Doch für viele Aktionäre war die Investition ein Verlustgeschäft. Der Börsen-Experte Oliver Roth erklärt die Besonderheiten dieser Börsengänge und was Anleger beim Investieren in Börsenneulinge beachten sollten.

Herr Roth, Börsengänge wie Telekom und Air Berlin haben einst jede Menge Kleinaktionäre an die Börse gelockt. Später haben viele ihr Geld verloren. War der Wirbel um diese Aktien eine riesen Übertreibung?
So pauschal lässt sich das nicht sagen. Die Telekom-Aktie ist in einer Phase gestartet, als das Interesse an Aktien plötzlich ganz groß war. Alle Unternehmen, die etwas mit dem Internet zu tun hatten, wurden in astronomische Höhen gejubelt. Davon wollten auch die Privatanleger profitieren, doch der Technologiemarkt war insgesamt überbewertet. Als die Kurse später einbrachen, war die Landung umso härter.

Viele Anleger wähnten sich in Sicherheit, weil die T-Aktie als Volksaktie beworben wurde.
Damit hat sich das Unternehmen sehr weit aus dem Fenster gelehnt und suggeriert, dass der Staat im Notfall einspringen werde. Aber das ist natürlich nicht passiert. Auch Werbegesicht Manfred Krug hat sein Engagement im Nachhinein bereut und sich immer wieder bei den Anlegern für die Werbung entschuldigt.

Der Börsengang von Air Berlin folgte etwas später, im Jahr 2006. Auch diesmal hat mit Johannes B. Kerner ein Promi die Aktie beworben.
Zu diesem Zeitpunkt war der Schock über die Kursverluste am Neuen Markt schon wieder etwas verdaut. Doch auch diesmal wurde den Anlegern zu viel versprochen. Viele Anleger waren aber auch nicht kritisch genug. Sie lassen sich zu schnell von irgendwelchem Gequatsche blenden, statt sich selbst die Unternehmenszahlen genau anzusehen.

Nach solchen Fehlgriffen ist es also kein Wunder, dass es um die Aktienkultur in Deutschland so schlecht bestellt ist?
Daran sind aber nicht alleine die Kursverluste aus der Zeit des Neuen Marktes Schuld. Das Problem ist ganz tief in der Mentalität der Deutschen verankert: Da gab es etwa die Weltkriege, die Hyperinflation und daraus hat sich eine enorme Risikoscheu und ein großes Bedürfnis nach Sicherheit entwickelt. Nichtsdestotrotz ist die Grundidee der Börse genial. Da treffen Menschen, die eine gute Idee, aber kein Geld für die Umsetzung haben, auf Investoren, bei denen es genau umgekehrt ist.

Kommentare zu " Börsenexperte im Interview: „Ich kaufe nie am ersten Handelstag“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%