Line-Börsengang
Lächelnde Smileys in Japan

Japans Alternative zu Whatsapp legte zwei erfolgreiche Börsengänge an zwei Tagen hin und erreicht schnelle eine milliardenschwere Bewertung. Der Kurznachrichtenanbieter will die Welt zum Grinsen bringen.

TokioEin weißes Männchen streckt triumphal die Faust in die Luft, ein blonder Comicschopf hebt mit begeisterter Mine beide Daumen. Am Freitag dürften diese beiden Sticker zu den beliebtesten gehört haben, die auf den Displays der Mitarbeiter von Line Corp. hin- und herwanderten. Ihr Arbeitgeber, der nicht zuletzt durch solche auf Smartphones zu auszutauschenden Karikaturen zu einem der größten Messagingdienste der Welt avanciert ist, hatte gerade rund eine Milliarde Euro eingenommen. Die Daumen und Siegerfäuste zeigten steil nach oben.

Der Börsengang vom japanischen Unternehmen Line Corp., maßgeblich in Besitz des südkoreanischen Portalbetreibers Naver, markierte das größte Initial Public Offering an Tokios Börse in diesem Jahr. Lange war der Schritt erwartet worden, pro Aktie hatte das Unternehmen mit einem Preis von 3.300 Yen (rund 28,25 Euro) gerechnet, knapp ein Fünftel der Anteile wurden ausgegeben. Nach Handelseröffnung schoss das Papier schnell auf 5.000 Yen, am Ende des Tages standen 4.345 Yen. Einige Stunden zuvor war Line auch in New York an die Börse gegangen, dort erzielte die Aktie um ein Viertel höhere Preise als veranschlagt. Der Unternehmenswert liegt damit bei rund einer Billion Yen (rund neun Milliarden Euro).

Das in Deutschland, Österreich oder der Schweiz weitgehend unbekannte Unternehmen will bald auch in Europa Fuß fassen. In Japan ist der Kurzmitteilungsdienst längst die Nummer eins, mit 61 Millionen Nutzern erreicht Line knapp die Hälfte der Bevölkerung des Landes. Marktführer ist der Betrieb zudem in Thailand, Taiwan und Indonesien, insgesamt zählt der Dienst 218 Millionen aktive Nutzer. Zwar hat Whatsapp, die weltweit bekannteste Applikation für Kurznachrichten, über eine Milliarde Nutzer. Allerdings ist Line gerade auf den Wachstumsmärkten in Südostasien stark vertreten.

Technisch ist Line anderen Messagingdiensten wohl überlegen. Die App vereint Elemente aus Whatsapp, Skype und Facebook: bei der Pinnwandfunktion wie beim sozialen Netzwerk Facebook kommentieren und posten Nutzer vor allem Fotos, die kostenlosen Anrufe mit Videofunktion ähneln denen bei Skype. Musik-, Gaming- und mobile Zahlungsfunktionen sind ebenfalls integriert. Whatsapp wiederum scheint sich schon mehrere Kleinigkeiten von Line abgeschaut zu haben. So kamen die viel diskutierten zwei blauen Häkchen, die bei Whatsapp anzeigen, dass der Empfänger einer Nachricht diese auch gelesen hat, erst deutlich nach dem „Gelesen“-Vermerk in den Nachrichtenverläufen bei Line.

Vor allem gilt Line als Vorbild, wenn es um Smileys und Sticker geht. Als Whatsapp vor einigen Monaten seine Galerie erheblich erweiterte, sahen viele der neuen Gesichter, Symbole und Karikaturen, die Nutzer seitdem an ihre Chatpartner schicken können, dem Angebot von Line verdächtig ähnlich. Die in Japan populären Sticker von Line drücken nicht nur Nervosität, Trauer, Lachen oder Wut aus.

Durch oft witzige Zeichnungen greifen sie so ziemlich alle möglichen Situationen aus dem Leben: das reicht von einem Smiley für allmählich steigende Ungeduld durch langes Warten (ein grimmiges Gesicht, das sich in eine auf einen Tisch gestützte Hand legt) über Arbeitswut (ein mit Zetteln um sich schmeißender Mann vorm Computer), Shoppinglaune (hüpfend pfeifende Gestalt mit Einkaufstaschen), oder Blähungen (kichernder Hase, aus dessen Hintern eine graue Luftblase schießt).

Die Sticker sind nicht nur bei Nutzern beliebt. Für Line dienen sie als doppelte Einnahmequelle. Einerseits nutzen diverse Unternehmen diese als Werbemöglichkeit, indem sie ihre Maskottchen in bestimmten Lebenssituationen gezeichnet zum Download anbieten. Kommt zum Beispiel ein neuer Disneyfilm in die Kinos, werden in der Line-Datenbank häufig die Disney-Protagonisten mit verschiedenen Grimassen freigeschaltet. Wer diese herunterladen will, muss wiederum mit einer virtuellen Währung bezahlen – umgerechnet meist 100 Yen (rund 85 Cent) für ein Set von ungefähr 15 Stickern. In Japan kaufen gerade jugendliche User regelmäßig neue Sticker, um sie ihren Freunden zu schicken.

Line hat auch seine eigenen Stickercharaktere – darunter ein oft trauriger, knopfäugiger Bär und ein frecher, weißer Haase – die mittlerweile so beliebt sind, dass sie es aus der virtuellen in die reale Welt geschafft haben. In Tokios Innenstadt verkaufen Line-Shops die Figuren als Kuscheltiere und Schlüsselanhänger, durch die Stadt taumeln sie manchmal als übergroße Maskottchen. Die Markenidentität von Line scheint damit deutlich greifbarer als die jener Messagingdienste, mit denen sich Line messen will. Dass der Betrieb weltweit wachsen will, womöglich auch durch Akquisitionen, hat Gründer und CEO Jungho Chin schon durchblicken lassen. Zunächst aber wolle man sich auf jene Märkte konzentrieren, die man schon im Griff hat. Dann bringe man den Rest der Welt zum Grinsen.

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