Line, Brain, Senvion Co. Deutschland braucht mehr Tech-Aktien

Die desolate Lage bei Tech-IPOs hierzulande ist einem Finanz- und Industriestandort wie Deutschland unwürdig. Zeit, dass Politik, Börsenbetreiber, Venture-Capital-Fonds und Finanzdienstleister an einem Strang ziehen.
Der WhatsApp-Rivale Line beglückte vor allem asiatische und amerikanische Anleger. Quelle: AP
Line-Charakter vor der Börse in New York

Der WhatsApp-Rivale Line beglückte vor allem asiatische und amerikanische Anleger.

(Foto: AP)

FrankfurtWas für ein Kursfeuerwerk. Die Aktie des Messenger-Dienstes Line hat bei ihrem Börsendebüt in Tokio am ersten Handelstag gut 30 Prozent zulegen können. Das war auch für Kleinanleger, die derzeit gebeutelt werden von der Nullzinspolitik der Notenbanken, Grund zur Freude. Und solche Erfolgsgeschichten sind zudem die beste Werbung für die Anlageform "Aktie". Ein dickes Plus auf dem Depotauszug ist mehr wert als Sonntagsreden, die eine langfristige Überlegenheit der Aktie predigen.

Leider beglückte der WhatsApp-Rivale Line vor allem asiatische und amerikanische Anleger. Deutsche Investoren schauen schon lange in die Röhre, wenn es um das Thema lukrativer Tech-Börsengänge geht. Zwar ist das weltweite Volumen an sogenannten Initial Public Offerings - kurz IPOs - in diesem Jahr mit rund 4,5 Milliarden Dollar auf den niedrigsten Stand seit 2013 gefallen. Allerdings richtige Dürre herrscht nur in Deutschland. Mit dem Biotechnologieunternehmen Brain und dem Windkraftspezialisten Senvion kamen gerade einmal zwei nennenswerte Neulinge und ein Emissionsvolumen von 330 Millionen Euro frisch auf den Kurszettel. Zum Vergleich: Line spülte dem Unternehmen jetzt mehr als eine Milliarde Dollar in die Kasse.

Die desolate Lage bei Tech-IPOs hierzulande ist einem Finanz- und Industriestandort wie Deutschland unwürdig. Es ist dringend an der Zeit, dass Politik, Börsenbetreiber, Venture-Capital-Fonds und Finanzdienstleister an einem Strang ziehen und positive Beispiele setzen. Handfeste Ergebnisse sind gefragt, nicht hehre Absichtserklärungen wie im vergangenen Herbst als Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel bis zu 15 IPOs jährlich in Aussicht gestellt hatte.

Wie Sie erfolgreich in Tech-Firmen investieren
Das Buch: Silicon Valley Investing
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„Investieren in die Superstars von heute, morgen und übermorgen“, lautet der Titel des Buches von Thomas Rappold, das gerade im FBV-Verlag (ISBN: 978-3-89879-897-6) erschienen ist. Rappold wendet sich darin gezielt an Privatanleger, die schon jetzt in die nächsten Superstars wie Facebook oder Google investieren wollen. Der Autor ist selbst als Investor aktiv und erklärt die wichtigsten Bewertungskennzahlen für Investments in aufstrebende Start-ups – schon lange vor dem Börsengang.

Erfolgreich investieren in Tech-Firmen
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Die folgenden zehn Bewertungskennzahlen, die Thomas Rappold zusammengestellt hat, gehen auf Tomasz Tunguz, Risikokapitalunternehmer bei Redpoint im Silicon Valley, zurück. Gut 15 Jahre nach den ersten Internet-Börsenhypes, wo häufig rein fiktive Kennzahlen über angeblich erfolgreiche Tech-Firmen gehandelt wurden, haben sich harte betriebswirtschaftliche Kennzahlen auch bei Internetunternehmen durchgesetzt.

Umsatzwachstum
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In absoluten Zahlen zeigt das Umsatzwachstum, wie gut oder schlecht das Produkt oder eine Dienstleistung grundsätzlich angenommen wird. Die Zusammensetzung des Umsatzes gibt wiederum einen Einblick, ob das Wachstum von vielen Kunden in überschaubaren Verkaufszyklen oder durch wenige Großkunden über längerfristige Vertriebsanstrengungen generiert wird.

Nettoertrag
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Umsatz - sämtliche Kosten = Nettoertrag. Wenn unterm Strich ein Minus bleibt, spricht man von der „Cash Burn Rate“, der sogenannten Geldverbrennungsrate. Aus den Parametern Cash, Nettoertrag und Umsatz lässt sich ermitteln, wann und in welcher Größenordnung eine neue Finanzierungsrunde notwendig wird. „Eine hohe Cash Burn Rate muss nicht zwingend schlecht sein“, merkt Rappold an, „insbesondere dann, wenn das Unternehmen hohe Vorabkosten tätigt, um sich als Marktführer positionieren zu können.“ Viele Risikokapitalfinanzierte Internetfirmen operieren nach dem Prinzip: „The Winner takes it all“ - siehe Google für das Geschäft mit Suchmaschinen oder Facebook für Soziale Netzwerke – weswegen die Nettoerträge bei einem Börsengang auch häufig in den ersten Jahren negativ sind.

Nettoertrag
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Als der Kurzmitteilungsdienst Twitter im Herbst 2013 den Sprung aufs Parkett wagte, war der Nettoertrag negativ. Rappold: „Hohe Cash-Burn-Raten werden dann zu einem Problem, wenn sich die Stimmung an den Finanzmärkten ins Negative dreht und die Kapitalbeschaffung und Unternehmensbewertungen herausfordernder werden. Dann kann auch ein Internethighflyer in wenigen Wochen zu einem Übernahme- oder Insolvenzkandidaten werden.“ Um kritische Finanz- und Börsenphasen aushalten zu können, werden Start-ups daher im Idealfall mit bis zu dreistelligen Millionenbeträgen finanziert.

Bruttomarge
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Wie teuer die Herstellung eines Produktes ist zeigt die Bruttomarge: die Berechnungsgrundlage dafür ist Umsatz minus Herstellungs- und Vertriebskosten. Verdient eine Firma ihr Geld damit, Software zu verkaufen, schließt dies Server- und Hosting-Kosten, Softwarelizenzen und Umsatzbeteiligungen durch Dritte (beispielsweise Werbenetzwerke) ein. „Viele Softwareunternehmen haben Bruttomargen von 80 Prozent oder mehr“, so der Experte Rappold. „Daraus speist sich die hohe Attraktivität.“ Durch Cloud-Computing steigen die Margen dann noch zusätzlich, weil Wartung und Aftersales-Service deutlich günstiger sind, als bei herkömmlichen Softwareinstallationen auf Einzelrechnern.

Deckungsbeitragsmarge
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Den Gewinn pro Einheit exklusive der Fixkosten gibt die Deckungsbeitragsmarge an. Zur Berechnung nimmt man den gesamten Umsatz aus dem Verkauf minus variable Kosten, die notwendig sind, um das Produkt zu verkaufen (also insbesondere Vertriebs- und Marketingkosten). Thomas Rappold: „Je höher die Deckungsbeitragsmarge, desto profitabler ist das Geschäft.“ In der Regel liegen sie je nach Branche bis fünf bis 25 Prozent; sie sollten aber auch immer im Kontext der Fixkosten gesehen werden.

Die lieben "Hidden Champions" aus Maschinen- und Anlagenbau, die sich auf "Industrie 4.0" verstehen, Internetfirmen oder auch Biotechnologie-Unternehmen gehören an die Börse. Am Ende ist es die Psychologie, die eine Wende bringen muss: Anleger müssen sich mit Tech-Werten beschäftigen, Potenziale erkennen und Aktien zeichnen, anstatt ängstlich nur auf Dauerbrenner zu setzen. Es ist Zeit, das von Verlusten am "Neuen Markt" ausgelöste Trauma zu verwinden.

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