Tabubruch für Justitia
Gateley will als erste Kanzlei in London an die Börse

Es dürfte ein Schritt sein, den die Branche sehr gespannt verfolgt: Die britische Anwaltskanzlei Gateley will in diesem Monat an die Börse – zum ersten Mal wagt eine Sozietät auf der Insel den Gang aufs Parkett.
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LondonDie genauen Details dieser Premiere sind noch unklar, doch das Ziel steht bereits fest: Gateley will mit den Einnahmen aus dem Börsengang seine Expansion finanzieren. Man wolle das Geschäft geografisch ausbauen und die Zahl der Felder, in denen man aktiv sei, erweitern, sagte Gateley-Chef Michael Ward in den vergangenen Tagen in Interviews mit britischen Medien.

Experten schätzen den gesamten Wert der Kanzlei auf etwa 130 bis 140 Millionen Pfund (umgerechnet gut 190 Millionen Euro). Der Gang aufs Börsenterrain solle etwa zehn Millionen Pfund einbringen, heißt es in der Branche. Gateley zählt in Großbritannien zu den mittelgroßen Kanzleien. Der Umsatz im Geschäftsjahr bis Ende April 2014 lag bei knapp 55 Millionen Pfund und der Vorsteuergewinn bei 7,4 Millionen Pfund.

Es ist eine Änderung des britischen Rechts aus dem Jahr 2011, die das Listing von Gateley an der Wachstumsbörse AIM der Londoner Börse LSE möglich macht. Bis dahin nämlich war es kanzleifremden Investoren nicht möglich, sich an einer Sozietät zu beteiligen.

Weltweit war die australische Kanzlei Slater & Gordon die erste, die an die Börse ging. Die Marktkapitalisierung blieb lange sehr sehr konstant und ist erst seit Mitte 2013 deutlich angestiegen. Dass Slater & Gordon Fremdinvestoren ins Boot nahm, galt damals als ein großer Tabubruch in der Branche und löste Besorgnisse aus, dass die anwaltliche Unabhängigkeit auf dem Spiel stehen könnte.

Die Befürchtungen haben sich bisher Beobachtern zufolge nicht bestätigt. Doch die Skepsis gegenüber Börsengängen ist offenbar geblieben: Nach einer Umfrage des Informationsdienstleisters Thomson Reuters erwägen derzeit nur vier der 100 führenden Sozietäten den Sprung aufs Parkett. Ein größerer Anteil zieht Beteiligungen von Private-Equity-Gesellschaften vor und noch mehr Befragte präferieren die Ausgabe von Anleihen, um sich neues Kapital zu beschaffen.

„In der Regel wächst man in unserer Branche durch Zusammenschlüsse oder eher langsam und stetig auf organische Art und Weise“, heißt es bei einem Gateley-Konkurrenten. „Dass Expansionspläne allein nicht zu schultern sind, kommt selten vor.“ Er sieht daher kaum Nachahmer für das Gateley-Wachstumsmodell.

Investmentbanker sehen das anders und hoffen, dass ein erfolgreicher Börsengang der Kanzlei auch anderen in der Branche zeigt, dass dies ein gangbarer Weg ist. Vor allem hoffen Banker jetzt aber auf eines: dass die eher ruhigen Zeiten im Geschäft mit Börsengängen auf der Insel enden. Wegen der Unsicherheit über den Ausgang der Parlamentswahlen hatten einige Unternehmen ihr Listing aufgeschoben.

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