Äußerungen des Fed-Chefs
Zinsangst drückt die Aktienmärkte

US-Notenbankchef Ben Bernanke hat vor einer aufkeimenden Inflationsgefahr in den USA gewarnt und damit eine weitere Erhöhung der Leitzinsen Ende Juni wahrscheinlicher gemacht. Eine Zinspause in den USA rückt nach den Äußerungen in die Ferne. Aktien und Anleihen gaben nach, der Dollar blieb schwach.

FRANKFURT/NEW YORK. „Der Offenmarktausschuss wird sicherstellen, dass der jüngste Anstieg der Kerninflation nicht anhält“, sagte der Chef der Federal Reserve (Fed) auf einer Bankentagung in Washington. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sprach auf derselben Konferenz von einer Erholung der Wirtschaft im Euro-Raum, vermied aber geldpolitische Äußerungen.

Nach dem enttäuschenden Beschäftigungswachstum im Mai hatten viele Händler mit einer Zinspause gerechnet. Die US-Notenbank hatte die Leitzinsen zuletzt Anfang Mai auf fünf Prozent angehoben. Viele Ökonomen sahen damit das Ende der Serie von bislang 16 Zinssteigerungen erreicht. Bernanke erwartet zwar, dass sich das robuste Wirtschaftswachstum in den USA von zuletzt 5,3 Prozent in den kommenden Monaten abschwächen wird. „Die erwartete Abschwächung des Wachstums scheint unterwegs zu sein“, sagte der Fed-Chef. Zugleich habe jedoch die Kerninflation (ohne Kosten für Lebensmittel und Energie) ein Niveau erreicht, das an oder über der Toleranzgrenze liege. Der Wert betrug zuletzt 2,3 Prozent. „Das ist eine unliebsame Entwicklung“, sagte Bernanke. Der Notenbanker machte dafür auch die hohen Energie- und Rohstoffpreise verantwortlich.

In Europa wird es voraussichtlich schon in dieser Woche zu einer Anhebung der Notenbankzinsen kommen. Angesichts der Turbulenzen an den Finanzmärkten warnen führende europäische Geldpolitikexperten die Europäische Zentralbank (EZB) jedoch vor einer übertrieben starken Zinserhöhung. „Man zündet keine Zigarette an, wenn eine Gasleitung leckt“, mahnt Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Gleicher Ansicht sind die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF). „Die EZB sollte bei der Zinsanhebung Vorsicht walten lassen“, zitierte die Nachrichtenagentur Bloomberg am Freitag aus einem vertraulichen IWF-Papier. Der Fonds begründet dies damit, dass das Wachstum seinen Gipfel erreicht habe und die Inflation fallen werde. Michael Heise, Chefvolkswirt von Dresdner Bank und Allianz, warnt: „Eine Zinsanhebung um einen halben Punkt könnte schwere Marktturbulenzen verursachen.“ Besondere Sorge bereitet Volkswirten, dass der Euro-Kurs weiter nach oben schießen könnte, falls die EZB die Leitzinsen stärker anhebt als die US-Notenbank Fed.

Am Montag setzte sich die schwache Entwicklung der Finanzmärkte fort. Schon vor der Rede Bernankes wirkte sich die Warnung Irans, der Streit über sein Atomprogramm könne eine Ölkrise auslösen, negativ aus und bescherte den Aktienmärkten weitere Kursverluste. Einige Rohstoffmärkte und Aktienmärkte großer Schwellenländer hatten in den vergangenen Wochen Kursverluste von 20 Prozent und mehr hinnehmen müssen.

Die EZB wird nach Einschätzung der meisten Experten auf ihrer nächsten Sitzung am Donnerstag in Madrid eine Leitzinserhöhung beschließen. EZB-Vertreter haben allerdings jegliche Aussage zur Höhe des Zinsschritts vermieden. Die meisten Analysten halten eine kleine Erhöhung um einen viertel Punkt für wahrscheinlicher, schließen aber eine größere Zinserhöhung keinesfalls aus. Das Dilemma: Die positiven Wirtschaftsindikatoren signalisieren eine verstärkte Inflationsgefahr, was für eine kräftige Zinserhöhung spräche. Die schwachen Finanzmärkte sprechen dagegen.

Höhere Leitzinsen verteuern die Schuldenfinanzierung für Immobilienbesitzer, Unternehmen, Staat und Finanzmarktinvestoren. Das dämpft die Inflation, belastet aber gleichzeitig die Aktienmärkte.

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