Angst vor großer Bankenpleite
Kreditkrise hält Wall Street im Griff

Die Finanzkrise hat sich angesichts drohender neuer Milliardenabschreibungen bei US-Banken mit Wucht zurückgemeldet. Die Sorge wächst, dass einige Institute bald kollabieren, weil sie nicht mehr in der Lage sind, dringend benötigtes neues Kapital einzuwerben.

NEW YORK/FRANKFURT. Der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, rechnet bereits bald mit einem solchen Desaster: "Das Schlimmste kommt noch. Und es wird nicht irgendeine mittelgroße Bank sein, sondern ein echter Klopper. Eine große Investmentbank oder ein anderes großes Institut", sagte der Harvard-Professor in einem Interview.

Auch Ökonomie-Nobelpreisträger warnen, dass die Krise noch lange nicht ausgestanden ist. "Die Finanzkrise ist nicht unter Kontrolle und könnte noch viel schlimmer werden", sagte Clive Granger, der die höchste Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaftler 2003 erhielt, dem Handelsblatt im Vorfeld des dritten Ökonomie-Nobelpreisträgertreffens in Lindau. Noch handele es sich überwiegend um eine Finanzkrise. "Sollte diese aber in großem Stil auf Realwirtschaft und Arbeitsmarkt übergreifen, dann wird es richtig ungemütlich." Daniel McFadden, der 2001 den Nobelpreis erhielt, ist ebenfalls "sehr besorgt". "Die rückläufige Kreditvergabe wird eine Kaskade von Unternehmenspleiten nach sich ziehen. Das wird die Investitionen und das Verbrauchervertrauen massiv belasten."

In den USA verunsichern Berichte über Notverkäufe von Lehman Brothers den Markt ebenso wie die Sorge um die Zukunft der Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae. Trotz aller Dementis halten sich Gerüchte über eine vollständige Verstaatlichung der bereits mit Regierungsgarantien ausgestatteten Finanzierungsriesen. Eine Verstaatlichung hätte weitreichende Folgen, etwa für die Anleger in nachrangige Anleihen. Fannie Mae und Freddie Mac haben gemeinsam unbesicherte Anleihen über 1,5 Bill. Dollar ausstehen. Nach Angaben der US-Notenbank halten Anleger außerhalb der USA davon rund 20 Prozent, der Großteil liegt bei Investoren in Japan und China.

Auch beim größten US-Versicherer AIG, der viertgrößten US-Bank Wachovia und der Großsparkasse Washington Mutual zweifeln Experten, dass die Kapitaldecke ausreicht.

Dass die Finanzkrise noch lange nicht vorüber ist, zeigt sich auch an den Geld- und Kreditmärkten. "Obwohl die Ängste vor Leitzinserhöhungen zuletzt geschwunden sind, bleiben die Libor- und Euribor-Sätze auf hohem Niveau", beobachtet Christoph Rieger, Zinsstratege bei Dresdner Kleinwort, und ergänzt: "Banken horten angesichts der allgemeinen Unsicherheit und der angespannten Finanzierungsbedingungen in der zweiten Jahreshälfte wieder verstärkt Liquidität."

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