Börse China
Das Casino hat wieder geöffnet

Erst Crash, dann schneller Aufstieg: Chinas Aktienmärkte können wieder gigantische Gelder anlocken. Seit seinem Tief im August kletterte der Leitindex um 20 Prozent. Dabei sollten weiter alle Alarmglocken schrillen.

PekingAn Chinas Aktienmärkten geht es wieder nach oben. Der Bulle ist zurück, frohlocken bereits Händler. Der Shanghai Composite Index ist alleine am Donnerstag um 1,8 Prozent auf 3,522.82 Punkte geklettert. Im Vergleich zum Tiefststand am 26. August lag der Index mehr als 20 Prozent im Plus. Die Erinnerungen an den dramatischen Crash zur Jahresmitte verblassten an den Handelsplätzen in Schanghai und Shenzhen wieder.
Dabei hat sich an Chinas Wirtschaftsdaten nicht viel verändert. Die zweitgrößte Volkswirtschaft hat sich vom Turbowachstum der vergangenen Jahrzehnte verabschiedet. In den ersten zwei Quartalen dieses Jahres wuchs die Wirtschaft jeweils im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7,0 Prozent, im dritten Quartal waren es 6,9 Prozent. Eine harte Landung ist ausgeblieben. Aber die dunklen Wolken am Konjunkturhimmel haben sich nicht verzogen. Die Schwerindustrie leidet. Und der Dienstleistungssektor ist noch nicht in der Lage, die Probleme aufzufangen.

Trotzdem brummt das Geschäft mit den Aktien. Wie schon zum Jahresanfang hat sich die Spekulation an den Börsen von der Realwirtschaft abgekoppelt. Seit die Regierung massiv an den Märkten interveniert hat, Großaktionären Verkäufe verbot und staatliche Fonds zum Aktienkauf verpflichtete, beeinfluss die Regierung das Auf und Ab an den Börsen stärker als lange zuvor.
Das Hoffen auf mehr Staatsgeld für die Aktienmärkte und Chinas Wirtschaft treibt die Kurse nach oben, urteilte Steve Wang, Chefökonom für China bei Reorient Financial Markets in Hongkong. „Die Makrodaten für die Wirtschaft sehen nicht gut aus. Daher spekulieren Investoren, dass die Regierung Technologie-Firmen mit einem neuen Konjunkturprogramm helfen könnte“, sagte Wang der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Ein neues Konjunkturprogramm wäre aber genau der falsche Weg, sagte Ökonomieprofessor Liu Yuhui dem Handelsblatt. „Die Aktienmärkte brauchen einen klaren gesetzlichen Rahmen“, forderte der Forscher an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften. Nicht direkte Einmischung der Regierung, sondern verlässliche Rahmenbedingungen seien die Voraussetzung für funktionierenden Handel an den Börsen. Zockern müsse das Handwerk gelegt werden.
Der Shanghai Composite Index war bis zum Juni immer weiter gestiegen. Chinas Börse in Schanghai verzeichnete mit 935 Tagen den längsten Bullenmarkt in ihrer Geschichte. Aber dann kam der Crash. Rechnerisch verpufften fünf Billionen US-Dollar an Börsenwert. Trotz der Gewinne der vergangenen Wochen liegen die Kurse noch 32 Prozent unter ihrem Höchststand vom 12. Juni.

Stephan Scheuer ist China-Korrespondent des Handelsblatts. Quelle: Mirela Hadzic für Handelsblatt
Stephan Scheuer
Handelsblatt / Korrespondent China
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