Credit Default Swaps
Kreditderivate: Lehman-Pleite wirbelt Markt durcheinander

Der Markt für Kreditderivate steht nach der Pleite von Lehman Brothers auf dem Prüfstand. Banken und Hedgefonds drohen hohe Verluste. Denn Lehman zählte zu den größten Anbietern von Credit Default Swaps (CDS), mit denen sich Investoren durch Zahlung einer Prämie gegen den Ausfall eines Schuldners absichern können.

FRANKFURT. Der Markt für Kreditderivate steht nach der Pleite von Lehman Brothers auf dem Prüfstand. Im Blickpunkt stehen vor allem Credit Default Swaps (CDS), mit denen sich Investoren durch Zahlung einer Prämie gegen den Ausfall eines Schuldners absichern können. Der Markt ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen und hat nach Berechnungen des Derivateverbands ISDA inzwischen ein Volumen von rund 62 Bill. Dollar. Als Hauptproblem gilt dabei, dass Lehman ein großer Anbieter von Versicherungsschutz ist. Da dieser Schutz aber nur so viel wert ist, wie der dahinter steckende Anbieter, sind die Kontrakte, die Lehman angeboten hat, wertlos.

Genaue Daten gibt es nicht, da Kreditderivate nicht an den Börsen, sondern nur unter Marktteilnehmern wie Banken, Versicherern, Fonds und Hedge-Fonds gehandelt werden. Die Ratingagentur Fitch listete Lehman aber - wie auch Bear Stearns - im vergangenen Jahr als eines der Top-Ten-Häuser am CDS-Markt auf. Die Verflechtungen am Derivate-Markt galten auch als einer der Gründe dafür, dass sich die US-Notenbank im März für die Rettung von Bear Stearns einsetzte und JP Morgan bei der Bear-Stearns-Übernahme unterstützte. Deshalb hatten viele Banker und Investoren darauf gesetzt, dass auch Lehman Brothers auf staatliche Unterstützung setzen kann.

"Die US-Notenbank und die US-Regierung dürften aber davon ausgegangen sein, dass die Lehman-Insolvenz den Derivatemarkt nicht kollabieren lässt, sonst hätten sie direkt eingegriffen", betont Philip Gisdakis, Kreditstratege bei Unicredit. Gleichwohl stehe der CDS-Markt jetzt vor einem Härtetest. Die Höhe möglicher Verluste für Banken, die CDS mit Lehman Brothers gehandelt haben, lässt sich laut Analysten noch nicht absehen. Im Februar hatte Barclays Capital geschätzt, dass die Pleite einer Bank, die CDS-Kontrakte über zwei Bill. Dollar ausstehen hat, die Kontraktpartner zwischen 36 Mrd. und 47 Mrd. Dollar kosten würden.

Marco Ryll, Kreditstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) setzt darauf, dass die Verluste angesichts der Lehman-Pleite nicht ganz so groß sein werden. "Als Broker dürfte Lehman nicht so viele Positionen offen haben, dass heißt, das sich viele Geschäfte bei denen Lehman Versicherungsschutz anbot, mit denen ausgleichen, bei denen Lehman Versicherungsschutz gekauft hat", erklärt Ryll. Zudem seien nicht die Lehman Brothers Holding, sondern Töchter am Derivatemarkt aufgetreten. Somit hätten die Marktteilnehmer jetzt zumindest etwas mehr Zeit, die Geschäfte mit Lehman abzuwickeln.

Bereits am Sonntag trafen sich auf Initiative des Derivateverbands ISDA Top-Händler, um sich auf eine mögliche Insolvenz von Lehman Brothers vorzubereiten. Dabei wurden Geschäfte und Gegengeschäfte mit Lehman Brothers als Kontraktpartner glattgestellt. Das betraf nicht nur Geschäfte mit Credit Default Swaps, sondern auch Zins- und Aktienderivate.

Hohe Ausgleichzahlungen werden für die Banken und Investoren anfallen, die zuletzt noch Versicherungsschutz auf Lehman Brothers selbst angeboten haben. Die Prämien dafür waren in der vergangenen Woche auf bis 790 Basispunkte in die Höhe geschnellt. Die Anbieter von Versicherungsschutz auf Lehman Brothers bekommen im Gegenzug Anleihen von Lehman. Deren Kurse sind auf 30 Prozent des Rückzahlungswertes von 100 Prozent eingebrochen.

Auch der breite Markt für Bonds und Kreditderivate geriet angesichts der Lehman-Pleite gestern unter Druck. Die Risikoprämien im i-Traxx-Europe-Index, der das Ausfallrisiko von 125 europäischen Unternehmen - inklusive Banken - misst, stiegen gestern deutlich auf 130 Basispunkte. Das bedeutet, dass Investoren jährlich 130 000 Euro zahlen müssen, um ein Indexportfolio von zehn Mill. Euro abzusichern. Kurz vor der Rettung von Bear Stearns lagen die Risikoprämien mit 160 Basispunkten noch höher. Analysten fürchten aber, dass die Risikoaufschläge noch weiter steigen. Investoren an den Kreditmärkten sollten sich auf einen langen, harten Winter einstellen, warnt Gisdakis von Unicredit.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%