Gastbeitrag
„Wir brauchen eine neue Sicht auf das Risiko“

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der DekaBank ist beunruhigt über die fehlende Aktienkultur in Deutschland. Die Vorsorge sei gefährdet, ebenso die Mitsprache in hiesigen Unternehmen. Was jetzt zu tun ist.
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Die Deutschen sind durch negative Erfahrungen mit Aktien geprägt: Die Enttäuschung mit der T-Aktie, Aufstieg und Fall des Neuen Marktes sowie drei Kurseinbrüche in den vergangenen zwölf Jahren haben ihre Spuren hinterlassen.

Die aufkeimende Aktienkultur Ende der 90er Jahre litt von vornherein unter einem Geburtsfehler: Bedingt durch die rasante Entwicklung an den Börsen entstand das Bild vom Aktieninvestment als schnellem Weg zum Reichtum, als Spekulation. Die Idee des langfristigen Sparens durch die Beteiligung an erfolgreichen Unternehmen geriet dabei ins Hintertreffen.

Die zuletzt veröffentlichten Zahlen zur Entwicklung von Aktien- und Aktienfondsbesitz in Deutschland zeigen eine besorgniserregende Tendenz. Nicht nur, dass die Quote insgesamt rückläufig ist, es sind vor allem untere Einkommensschichten, die hier unterrepräsentiert sind. Damit sind gerade Bevölkerungsgruppen mit vergleichsweise wenig Vorsorgerücklagen nicht in die Anlageform investiert, auf die sie unter Renditeaspekten am dringendsten angewiesen wären.

Auch junge Leute, die aufgrund des zur Verfügung stehenden Anlagehorizonts eigentlich für einen langfristigen Vermögensaufbau mit Aktien prädestiniert wären, setzen auf vermeintliche Sicherheit, etwa Festgelder oder Bausparverträge. Langfristig ist diese Entwicklung dazu geeignet, unsere Vorsorgestrukturen auszuhöhlen, zumal sich die Situation der Umlagesysteme durch die demografische Entwicklung verschärfen wird.

Aktien sind Beteiligungen am Produktivkapital einer Volkswirtschaft. Deshalb hat die Zurückhaltung bei Aktieninvestments, also eine niedrige „Investitionsquote“ von deutschen Privatanlegern, auch negative Auswirkungen auf den Standort Deutschland. Privatanleger verzichten auf ein Mitspracherecht in deutschen Unternehmen.

Die Anteilseigner von Dax-Unternehmen sitzen gegenwärtig mehrheitlich im Ausland. Strategische Entscheidungen, die für deutsche Arbeitsplätze Relevanz haben können, werden so unter Umständen aus dem Ausland beeinflusst. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sollte die Politik ein Interesse an einer ausgewogenen Anteilseignerstruktur unter Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten haben, gerade in Schlüsselindustrien.

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