Hoffnung auf Reformen regt auch die Phantasie ausländischer Investoren an
Aufbruchstimmung beflügelt Aktienmärkte

Seitdem Bundeskanzler Gerhard Schröder nach der SPD-Niederlage bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen Neuwahlen ankündigte, gewann der Deutsche Aktienindex (Dax) zehn Prozent hinzu. Das ist ein Großteil des bisherigen Jahresgewinns von 13 Prozent. Und während das deutsche Börsenbarometer in den vergangenen Jahren im internationalen Vergleich stets hinterherhinkte, hängt es jetzt die Indizes anderer Industrienationen ab.

DÜSSELDORF. Politische Ereignisse sorgen gewöhnlich nur für kurze Ausschläge an den Börsen, weil vollmundigen Ankündigungen nur selten große Veränderungen folgen. Doch bei der angestrebten Bundestagswahl ist das anders: Seitdem Bundeskanzler Gerhard Schröder nach der SPD-Niederlage bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen Neuwahlen ankündigte, gewann der Deutsche Aktienindex (Dax) zehn Prozent hinzu. Das ist ein Großteil des bisherigen Jahresgewinns von 13 Prozent. Und während das deutsche Börsenbarometer in den vergangenen Jahren im internationalen Vergleich stets hinterherhinkte, hängt es jetzt die Indizes anderer Industrienationen ab.

Was viele Investoren anfangs für ein Strohfeuer hielten, entpuppt sich immer mehr als ein Richtungswechsel an den deutschen Märkten. Ob große amerikanische Häuser wie Goldman Sachs, die renommierte Schweizer Investmentbank UBS oder die vielen heimischen Adressen – unisono machen die Experten einen grundlegenden Stimmungswandel und eine große Reformphantasie aus, die im Vorfeld der erwarteten Wahl deutsche Aktien beflügelt.

So ermittelte das Nürnberger Forschungsinstitut GfK im Auftrag der US-Investmentbank J.P. Morgan, dass 47,2 Prozent der Verbraucher eine positive Entwicklung des deutschen Aktienmarktes für wahrscheinlich halten. Das sind elf Prozentpunkte mehr als noch unmittelbar vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen.

Dementsprechend haben viele Investmenthäuser und Privatbanken ihre Kursziele für den Dax bis Jahresende erhöht, doch selbst optimistische Prognosen wurden inzwischen schon überholt: So hatte die Hypo-Vereinsbank (HVB) ihr Dax-Ziel nur einen Tag nach der NRW-Wahl auf 4 800 Punkte hochgesetzt – eine Marke, die gestern erstmals durchbrochen wurde. „Durch die angestrebten Neuwahlen und die Chance auf politische Reformen hat sich die Lage verbessert“, sagte HVB-Stratege Gerhard Schwarz bereits kurz nach Schröders Neuwahl-Coup. Auch die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hatte ihr Kursziel auf 4 800 Punkte erhöht: „Die steigenden Kurse waren und sind keine Eintagsfliege, denn die Stimmung verbessert sich – lange bevor die Probleme in Deutschland gelöst sind“, so LBBW-Stratege Berndt Fernow. Deutschlands größte Privatbank Sal. Oppenheim setzte sich mit 4 900 Punkten an die Spitze der Dax-Optimisten.

Geht es nach den Optimisten – und an ihnen orientieren sich die Börsen seit nunmehr zwei Monaten–, dann profitieren deutsche Aktien von einer Kettenreaktion: Der Neuwahl-Coup am 22. Mai entfachte eine Aufbruchstimmung, weil Anleger sich von einer konservativ-liberalen Regierung und einem von ihr dominierten Bundesrat große Handlungsfähigkeit erhoffen. Das wiederum weckt Erwartungen auf strukturelle Veränderungen – etwa eine Gesundheitsreform oder die Lockerung des Kündigungsschutzes – zum Wohle der Unternehmen und Verbraucher, die künftig mehr Geld für Investitionen und Konsum haben könnten.

Doch auch die von CDU und FDP angestrebte Senkung der Lohnnebenkosten stößt auf das Interesse der Anleger. Denn Unternehmen, deren Gewinne wesentlich von der Entwicklung inländischer Lohnkosten beeinflusst werden, wären die Gewinner einer solchen Reform. Nach Ansicht der HVB zählen dazu vor allem VW, Thyssen-Krupp, Siemens, MAN, Lufthansa und die Deutsche Post. Auch eine mögliche Wende in der Energiepolitik stärkt die Kurse. Sollte eine neue Regierung den von Rot-Grün durchgesetzten Atomausstieg aussetzen und die Restlaufzeiten der Kernkraftwerke verlängern, würde die Stromproduktion sich nicht – wie bislang angenommen – verteuern. Eon und RWE wären die Profiteure.

Und schließlich fachen ausländische Investmentfirmen die Kurse hier zu Lande an. Insbesondere mögliche Reformen des Arbeitsmarktes inspirieren US-Häuser wie J.P. Morgan, sich in weltweit veröffentlichten Studien mit der Wahl und den Chancen am deutschen Aktienmarkt auseinander zu setzen. Tenor auch hier: Die Hoffnung auf Veränderungen, Einschnitte und Reformen hebt die Stimmung und macht den deutschen Markt interessant.

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