In der Krise
Börse Istanbul: Zitterpartie am Bosporus

Dass es mit den Aktienkursen nicht immer nur nach oben geht, wissen Anleger, die ihr Geld in türkische Aktien stecken. Denn die Istanbuler Börse gilt als besonders volatil. Risiko ist so etwas wie das ungeschriebene Motto des Marktes - was für viele Zocker gerade seinen Reiz ausmacht.

ISTANBUL. Doch so stark wie jetzt hat die Bosporus-Börse die Nerven der Aktionäre selten strapaziert: ein Index-Minus von fast 60 Prozent seit Jahresbeginn - da bekommen manche kalte Füße. Für ausländische Anleger sieht die Bilanz noch düsterer aus, weil die türkische Lira seit Jahresanfang gegenüber dem US-Dollar um 37 Prozent und zum Euro immerhin um 20 Prozent verlor.

Noch im vergangenen Jahr hatten sich die Anleger in Istanbul über ein sattes Plus von 42 Prozent freuen können. Damit erzielte die türkische Börse 2007 weltweit die fünftbeste Performance. Nicht nur die Gewinne des Vorjahres sind jetzt ausradiert. Der Istanbuler Leitindex IMKB-100 ist inzwischen auf ein Vierjahrestief gefallen. Damit hat der langjährige Aufwärtstrend einen tiefen Knick bekommen.

Die Korrektur kommt allerdings nicht ganz unerwartet. Denn der türkische Aktienmarkt hat sieben besonders fette Jahre hinter sich. Von 2001, dem Jahr der schweren türkischen Bankenkrise, bis Ende 2007 stieg der Istanbuler Index um fast 500 Prozent. Die fulminante Börsenperformance hatte politische und ökonomische Ursachen: aus den Wahlen vom November 2002 ging die islamisch-konservative Ak-Partei von Tayyip Erdogan mit fast zwei Dritteln der Parlamentsmandate als klarer Sieger hervor. Damit hatte die Türkei erstmals seit zwei Jahrzehnten wieder eine handlungsfähige Einparteienregierung. Unter Erdogan erlebte das Land den steilsten und nachhaltigsten Wirtschaftsaufschwung seiner jüngeren Geschichte: das Bruttoinlandsprodukt legte um durchschnittlich sieben Prozent jährlich zu, das krisenanfällige Bankensystem wurde saniert, die horrenden Haushaltsdefizite und die Staatsschulden abgebaut - vor allem dank der strikten Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF), der die Türkei während der Krise 2001 mit Milliardenkrediten vor dem drohenden Staatsbankrott gerettet hatte.

Im Sommer 2007 konnte Erdogan bei den Parlamentswahlen zwar seinen Stimmenanteil weiter ausbauen. Am politischen Horizont zogen aber wegen des schwelenden Konflikts der religiös-konservativen Regierung mit der kemalistischen Elite erste Wolken auf. Das Börsenjahr 2008 stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Erst verunsicherte das Verbotsverfahren gegen die Regierungspartei die Anleger - vorläufiger Höhepunkt des Machtkampfes des kemalistischen Establishments mit der islamisch geprägten Regierung. Der Prozess endete zwar ohne Verbot, was die Aktienkurse im Sommer kurzzeitig beflügelte. Doch dann geriet die Türkei immer tiefer in den Strudel der Finanzkrise.

Die von manchen anfangs gehegte Hoffnung, die Schwellenländer seien von der Krise abgekoppelt und auch dank ihres starken eigenständigen Wachstums weitgehend immun, zerschlug sich schnell. Zwar ist das türkischen Bankensystem tatsächlich von der US-Subprime-Krise unmittelbar gar nicht betroffen. Doch die Folgen der Krise bekommen auch die Geldinstitute am Bosporus in Form verteuerter Refinanzierungskosten und versiegender Kapitalströme zu spüren. Zum Verhängnis wird der Türkei jetzt auch ihr hohes Leistungsbilanzdefizit. Es dürfte in diesem Jahr rund 50 Mrd. Dollar erreichen, was fast sieben Prozent des BIP entspricht. In vergangenen Jahren konnte die Türkei dieses Defizit vor allen dank hoher ausländischer Direktinvestitionen finanzieren, die vergangenes Jahr 22 Mrd. Dollar erreichten, und mit dem Zustrom von Risikokapital zu den Istanbuler Finanzmärkten. Jetzt gehen nicht nur die ausländischen Investitionen drastisch zurück. Auch das "Hot Money" ergreift die Flucht. Nach Schätzungen der Bank Fortis sind in den Monaten August bis Oktober Devisen in Höhe von 16,5 Mrd. Dollar aus der Türkei abgeflossen - aus Staatsanleihen ebenso wie aus Aktien.

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