John Chen-Chung Deng im Interview
„Chinas Wirtschaft ist groß, aber nicht transparent“

Taiwan blickt zwar entspannt auf die Fed-Zinsentscheidung, aber mit Sorge nach China. Wirtschaftsminister Deng spricht im Interview über Protektionismus in China, die US-Notenbank und Gefahren für die Weltwirtschaft.

Der demokratische Inselstaat Taiwan hat über Jahrzehnte vom rasanten Aufstieg seines großen Nachbarn China profitiert. Aber jetzt spürt Taiwans Ökonomie besonders stark, wie sich das Wachstum in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt verlangsamt – ausgerechnet kurz vor der Entscheidung der US-Notenbank über eine Zinswende. Taiwans Wirtschaftsminister John Chen-Chung Deng empfängt im Konferenzsaal in seinem Ministerium zum Interview, legt sein Jackett ab und streift seine Hemdärmel nach oben.

Die US-Notenbank erwägt die Zinswende, China schwächelt, Ökonomen warnen vor einem „perfekten Sturm“: Wie groß sind die Gefahren für die Wirtschaft?
So pessimistisch sehen wir die Lage noch nicht. Aber auch wir spüren den Druck. Unser Wachstum hat sich von 3,8 Prozent im ersten Quartal auf 0,5 Prozent im zweiten Quartal verlangsamt. Der wichtigste Grund dafür ist die international schwächere Nachfrage. Insbesondere das langsamere Wachstum in China schlägt durch. Das ist ein Warnsignal, aber bedeutet noch nicht zwangsläufig eine Krise.

Wie blicken Sie auf den anstehende Sitzung der US-Notenbank?
Wir beobachten das genau. Die USA sind sehr wichtig für uns. Die USA sind unser einziger Exportmarkt, in dem wir derzeit noch ein stärkeres Wachstum erwarten. Wir hoffen, dass das so bleibt. Wir werden abwarten, und die langfristigen Folgen einer Leitzinserhöhung abschätzen.

Glauben Sie den Zahlen, die China zu seinem Wirtschaftswachstum veröffentlicht hat?
Chinas Wirtschaft ist groß, aber nicht transparent. Niemand weiß, wie es Chinas Wirtschaft wirklich geht. Die Rückmeldung, die wir von Exportunternehmen bekommen, deutet auf schwerwiegende Probleme hin. Trotzdem gibt es weiterhin ein schnelles Wachstum, auch wenn es deutlich unter sieben Prozent liegen sollte. China ist ein gewaltiger Markt. Den können wir nicht ignorieren.

Bietet China ausländischen Unternehmen noch ein gutes Geschäftsumfeld?
Peking wird wählerischer. Neue Regeln, wie das Nationale Sicherheitsgesetz, verunsichern Unternehmen. Chinas Rechtssystem ist nicht auf einem internationalen Standard. Die Regierung behält sich in vielen Branchen einen direkten Eingriff in die Wirtschaft vor. Unsere Unternehmer erleben ein zunehmen schwierigeres Umfeld. China heißt sie nicht mehr willkommen.

Wie schätzen Sie die am Montag vom Staatsrat in Peking verabschiedeten Richtlinien zur Reform der Staatsbetriebe ein?
In einer Marktwirtschaft sollte der Einfluss des Staates stark begrenzt werden. Viele der Staatsfirmen sind für eine gewaltige Überproduktion verantwortlich. Der Stahlsektor ist ein gutes Beispiel dafür. Gleichzeitig kontrollieren viele Staatskonzerne ganze Exportbranchen. Dank großzügiger Subventionen haben sie internationale Wettbewerbsvorteile. Das ist unfair. Taiwan kann es sich nicht leisten, seine Firmen so stark staatlich zu unterstützen. Der Anteil der Staatskonzerne an der Wirtschaftsleistung in China nimmt nicht ab sondern zu. Das sollte viele Staaten beunruhigen. Die Firmen nutzen ihre Macht aus.

Peking hat auf den Börsencrash mit massiven Staatshilfen reagiert und Großinvestoren den Verkauf von Anteilen verboten. Ist das ein Widerspruch zu Chinas Reformagenda?
Auf jeden Fall. Das ist eindeutig.

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