Kospi auf Talfahrt
Koreas Börse zittert vor dem Propheten

Exportlastige Wirtschaften wie Korea trifft der weltweite Konjunktureinbruch besonders hart. Entsprechend hoch sind die Verluste an der Börse in Seoul. Für zusätzliche Unsicherheit sorgt ein anonymer Blogger im Internet mit besonderer Prognosekraft. Behält er Recht, hat der Kospi-Index noch viel Luft nach unten.

HB TOKIO. Ostasiens Börsen sind heute im Sturm schlechter Nachrichten mit eingeknickt. Der Nikkei geriet in Tokio erneut in die Nähe eines Jahrestiefstands unter 8 000 Punkten. Und der koreanische Leitindex Kospi fiel unter den Wert von 1 000 Punkten. Während die Japaner sich an die extremen Ausschläge der Tokioter Börse jedoch einigermaßen gewöhnt haben, herrschen in Seoul noch Schrecken und Verwunderung.

Während der Hausse der vergangenen drei Jahre haben die Koreaner ihr Geld enthusiastisch in Aktien angelegt. "Viele einfache Bürger mussten bereits zusehen, wie ihre Immobilie an Wert verloren hat. Jetzt haben sich auch die Ersparnisse in Aktienfonds halbiert. Die Leute fühlen sich nicht mehr wohlhabend und sparen, wo es geht", sagt Yun Chang-Hyun, Finanzwissenschaftler an der University of Seoul. Analysten fürchten in dieser Lage ein weiteres Nachgeben des Kospi: Koreas Wirtschaft hängt zu 88 Prozent vom Export ab - und die Amerikaner und Europäer kaufen vermutlich bald kaum noch etwas.

Ein Prophet im Internet verbreitet zusätzlich schlechte Stimmung in Korea: Der mysteriöser Blogger mit Decknamen "Minerva" hat es zu landesweiter Berühmtheit gebracht. Minerva kommentiert auf der Sozialnetzwerkseite Agora das Geschehen an den Finanzmärkten. Er hat korrekt die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers vorhergesagt und auch die dramatische Abwertung der koreanischen Währung Won weitgehend richtig prognostiziert. Nun bringt er die Börse zum Zittern: Am Montag schrieb "Minerva" in einem Zeitschriftenbeitrag, dass der Kospi demnächst bis auf 500 Punkten fallen könnte.

Plötzlich sprechen alle über Minerva, zumal er auch in den Hauptnachrichten des beliebten TV-Senders MBC Thema geworden ist. "Minerva macht die Leute etwas nervös", sagt Wirtschaftsexperte Yun. Mit seinem Tagesverlust von 6,7 Prozent auf 948 Punkte scheint der Kospi auf dem Weg zu sein, die Prognose des anonymen Autors zu erfüllen. Im Oktober stand der südkoreanische Börsenindex schon einmal so tief, hatte sich zwischenzeitlich jedoch um 25 Prozent erholt.

Aber nicht nur Minerva verunsichert die Anleger. Am Donnerstag waren es Nachrichten von einem möglicherweise bevorstehenden Handelsdefizit, die den Markt zusätzlich herabzogen. Bereits am Vortag fielen in Seoul gleichzeitig die Kurse von Aktien, des Won und von Anleihen. Unter normalen Umständen bedeutet ein Abwärts auf einer Seite dieses Dreiecks, dass zumindest eine der anderen Ecken sich hebt. Aktuell ziehen aus Korea jedoch als größerer Trend ausländische Investoren wie Hedge-Fonds Kapital ab, um in der Heimat Bilanzlöcher zu stopfen. Das hält den Kospi weiterhin niedrig.

Im Nachbarland Japan fiel der Nikkei fiel mit 6,9 Prozent in ähnlicher Größenordnung wie der Kospi. Die Japaner folgten wie üblich den Wirtschaftsnachrichten aus den USA in ihren Anlageentscheidungen - in diesem Fall waren es die Verluste der New Yorker Börse und die Möglichkeit, dass ein großer Autohersteller insolvent werden könnte. Dazu kam, dass der Yen erneut stieg, während der Dollar fiel. Das macht Exporte teurer und weniger profitabel - und so wie Korea hängt auch Japan fast ganz von der Ausfuhr ab.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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