Kurseinbruch in Madrid
Angst vor neuer Argentinien-Krise geht um

Die Ankündigung der argentinischen Regierung, private Rentenfonds zu verstaatlichen, schockt die Anleger an der Börse in Madrid. Spanische Firmen fürchten hohe Verluste in dem südamerikanischen Land. Erinnerungen werden wach an die Argentinien-Krise vor sechs Jahren.

MADRID. An der Madrider Börse geht die Angst vor einer Neuauflage der Argentinienkrise um. Die Entscheidung der argentinischen Regierung, die privaten Rentenfonds mit Portfolios im Wert von 30 Mrd. Dollar zu verstaatlichen, bescherte dem spanischen Börsenindex Ibex am Mittwoch mit minus acht Prozent den zweitgrößten Einbruch seiner Geschichte. Am Donnerstag ließ der Index weitere fünf Prozent nach, wieder vor allem wegen Argentinien.

Die Erinnerung an die Krise 2001/2002, als Argentinien seine Dollarbindung aufgab und alle Konten, Kredite und Preise per Dekret im Verhältnis 1:1 in Peso umwandelte, ist frisch in Spanien. Allein im letzten Quartal 2001 und im ersten Halbjahr 2002 verloren spanische Blue-Chips mehr als 14 Mrd. Euro in Argentinien.

Auch damals, kurz vor der Krise, hatte die argentinische Regierung in ihrer Finanznot Hand an die privaten Rentenfonds gelegt. Allerdings hatte der damalige Wirtschaftsminister Domingo Cavallo die Fondsverwalter lediglich genötigt, einen größeren Teil ihres Portfolios in Staatsanleihen zu investieren. Nun hat die Regierung von Cristina Kirchner scheinbar Schwierigkeiten, ihren Finanzbedarf für 2009 zu decken und will sich daher die Ersparnisse der Rentner ganz einverleiben.

"Das Gesetz könnte helfen, einen Zahlungsausfall im kommenden Jahr abzuwenden", heißt es bei JPMorgan. Gleichzeitig schade die Verstaatlichung der Fonds aber den argentinischen Kapitalmärkten, verschließe der Regierung doch den Zugang zum internationalen Kapitalmarkt noch mehr und nehme argentinischen Unternehmen eine Finanzierungsquelle.

Einige sehen das Verstaatlichungsgesetz auch als Auftakt für eine neue Welle des Staatsinterventionismus, ähnlich wie ihn Hugo Chavez in Venezuela betreibt. "Wir sehen dieses Gesetz nicht als Teil einer größeren Verstaatlichungs-Strategie, aber wir sehen Regierungsinterventionen weiterhin als Risiko, vor allem für die Banken und Versorger", warnen die Analysten von JP Morgan.

Für spanische Unternehmen, die traditionell stark in Südamerika engagiert sind, birgt die Entwicklung enorme Risiken. Entsprechend groß ist die Verunsicherung an der Börse. Am härtesten bestraften Anleger den Ölkonzern Repsol-YPF, der die Mehrheitsanteile an dem größten argentinischen Energiekonzern YPF hält. Der Repsol-Kurs verlor am Dienstag und Mittwoch mehr als 20 Prozent, trotz beruhigender Worte des argentinischen Planungsministers Julio de Vido, dass "die Unternehmen in Argentinien Rechtssicherheit genießen und daher vor allem für YPF kein Grund zur Sorge besteht".

Auch Telefonica, die in Argentinien einen Festnetzanbieter und einen Mobilfunkanbieter kontrolliert, verzeichnete Kursverluste von rund 15 Prozent. In ähnlichem Ausmaß büßten auch die Großbanken BBVA und Santander für ihr Argentinien-Engagement. BBVA ist über seinen argentinischen Rentenfondsverwalter "Consolidar AFJP" sogar direkt von der Verstaatlichung betroffen. Zudem hält die BBVA-Tochter Banco Frances einiges an argentinischen Staatsanleihen.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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